11.03.2010
Literaturhaus Hamburg e.V.
Schwanenwik 38
22087 Hamburg
Impressum | Sitemap
Tel.040-22 70 20 11
Fax040-22 06 612
info@literaturhaus-hamburg.de
Home News Programm Verein Haus Vermietung Service Forum Kontakt Englisch
 

laudatio auf roman graf von martin zingg

Fotos: Stefan Kubli
Fotos: Stefan Kubli
Sehr verehrte Damen und Herren,
sehr verehrte Frau Cassens,
lieber Roman Graf!

Die tägliche Anstrengung, ein Mensch zu sein, bringt bekanntlich allerhand Unordnung mit sich. Es scheint unvermeidlich. Ich denke nicht an all die Briefe oder E-mails, die man schon lange hatte beantworten wollen. Das ist auszuhalten, auch der vollgestellte Schreibtisch. Selbst, dass die Vorsätze sich nicht von allein erfüllen wollen. Schlimmer sind Gewohnheiten, die man nicht mehr als solche erkennt, die einen aber wie auf Schienen vorantreiben. Und immer sind da einige fixe Vorstellungen und trübe Klischees im Hinterkopf, das ist viel schlimmer. Unaufgeräumte Erinnerungen, seltsame Phantasien und vollkommen unbrauchbare Maximen, unbearbeitet, unkontrolliert treiben sie ihr Unwesen. Und wir stecken in ihrem Korsett und merken es nicht. Es ist unglaublich, was unter einer Schädeldecke alles lautlos vor sich hin brodelt. Auf kleinstem Raum. Unbeaufsichtigt. Ohne Trost und gnädiges Ende.

Angeblich sind dagegen auch Kräuter gewachsen.

Neulich stiess ich auf ein Buch, das Abhilfe verspricht. Den Titel werde ich diskret verschweigen, nur soviel: Im Untertitel steht: "Einfacher und glücklicher leben". Das Angebot kann, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Form, kaum attraktiver sein. Bitte, wer wüsste nicht gern, wie sowas geht, und das auf Dauer, am besten für immer. Den Weg dorthin weiss dieser Ratgeber. Er hat es zu einer zweistelligen Zahl von Auflagen geschafft und soll über längere Zeit anderen Büchern den Zugang zum ersten Platz auf Bestseller-Listen erfolgreich versperrt haben. "Dieses Buch räumt Ihr Leben auf", wird auf dem Umschlag eine Zeitschrift zitiert, gleich darunter gibt eine Zeitung den famosen Ratschlag: "Entrümpeln Sie Ihr Leben, enträtseln Sie sich selbst."

"Enträtseln Sie sich selbst", eine solche Aufforderung muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Und: Möchte man eine solche Anweisung weiterreichen an ausgerechnet Herrn Blanc? Herr Blanc ist kein Leser von Ratgebern. Aber er ist eine rätselhafte Figur. Er ist einer, unter dessen Schädeldecke es unablässig brodelt.

Herr Blanc ist der Held des Erstlings von Roman Graf. Dieser Held, das vorweg, ist einige Seiten lang eine literarische Gestalt, die nicht mehr verspricht, als der Name halten kann, ein Herr Weiss eben, ein weisses Blatt, unbeschrieben, wie es scheint, ohne besonderen Attribute. Eine Figur, die einem nicht auf Anhieb sympathisch sein kann. Was sollen wir denn mit einem Mann, der, obschon längst erwachsen und berufstätig, zweimal die Woche zu seiner Mutter eilt und sich von ihr das immergleiche Essen auftischen lässt, jahrelang? Der sich von ihr die Kleider waschen und bügeln lässt, jede Woche, jahrelang. Der, noch nicht lange verheiratet, seiner Frau sagen möchte, ihr Verfallsdatum sei überschritten, sie müsse froh sein, einen Mann wie ihn zu haben. Was beginnen wir mit einem Mann, der an vielen kleinen Ängsten zappelt? Herr Blanc, wenn er mit dem Bus unterwegs ist, steht beispielsweise immer vorzeitig auf: "damit kein Unglück passieren konnte; schliesslich war es schnell geschehen, dass sich ein Riemen der Tasche im Schlitz zwischen Herrn Blancs Sitz und dem Sitz daneben verklemmte, er mit seiner Befreiung aufgehalten wurde und der Fahrer die Türen wieder schloss in der Meinung, niemand wolle aussteigen."

Man glaubt, den Angstschweiss zu riechen.

Und dennoch ist er ein interessanter Held. Interessant an ihm − verzeihen Sie mir bitte den Kalauer − interessant an ihm ist, dass er, auf den ersten Blick zumindest, nichts Interessantes anzubieten hat. Keine Biographie mit viel versprechender Fallhöhe, nichts, was von alleine eine Erzählmaschine anwerfen und in Gang halten könnte. Herr Blanc hat keine berufliche Tätigkeit, die Aufregungen verspricht, keine Liebesaktivitäten, die erzählenswerte Komplikationen in Aussicht stellen. Nichts, so sieht es zunächst aus, kann diesem Herrn Blanc zu einem längeren Auftritt als Romanfigur verhelfen – nichts als die Erzählkunst von Roman Graf. Und gerade diese hat es in sich.

Allein durch seine Erzählkunst hat Roman Graf uns am Ende seiner Prosastrecke so weit, dass wir seine Erfindung mögen, ja, dass uns Herr Blanc, dem wir anfänglich mit einem gewissen Misstrauen gefolgt sind, ans Herz gewachsen ist. Obschon, in Blancs Haut möchten wir lieber nicht stecken. Grosse Zuneigung kann es nicht sein, die uns an ihn bindet, damit träten wir Anton Blanc ohnehin zu nahe, aber etwas Dauerhafteres, nämlich Sympathie ist es dennoch, was wir in uns keimen und wachsen spüren. Denn natürlich ist Herr Blanc weitaus doppelbödiger, als es zunächst den Anschein hat. Sichtbar wird das vor allem, als er älter wird und seine Ich-Befestigungen allmählich ins Wanken geraten, bis er dann Altersheim mit einem Mal richtig störrisch wird. 

Nun habe ich ein wenig übertrieben. Nicht nur die Literatur muss gelegentlich übertreiben, auch die Rede über sie. Denn einen Hauch Sympathie hätte Herr Blanc gleich auf der ersten Seite schon verdient, immerhin erfahren wir hier, dass er eben entlassen worden ist. Aber − es wird nicht deutlich, was er eigentlich tut. Was ist seine Arbeit, welche Stelle hat er denn verloren? Wie sehr tut es ihm leid, keine Arbeit mehr zu haben? Und überhaupt: ist er nicht in Gedanken oft gar nicht anwesend, hier, in der Gegenwart? Einmal, vor vielen Jahren, das erfahren wir gleich mehrere Male, war er zum Zweck eines Studiums, irgendeines Studiums, in Cambridge, und dort hat er ei-ne Frau geliebt. Heike. An sie muss er immer wieder denken. Wobei er, wie es scheint, erst hinterher herausgefunden hat, dass er sie wirklich geliebt haben muss. War er damals zu scheu? War die Liebe zu gross für Worte? Oder glaubte er an die Aufschiebbarkeit des Glücks? Dass Heike ihn damals sehr geliebt haben muss, erfährt er erst nach ihrem Tod, bei einer hinreissend erzählten, beklemmenden Reise nach Krakau. Heike geistert durch sein ganzes Leben. Sie hat ihn seinerzeit verführt, im Garten eines Colleges − wobei unklar bleibt, wie aktiv er dabei war. Aber dass sie viel riskierten, sie hätten ja erwischt werden können, daran denkt er öfter mal, selbst am Tag seiner Entlassung. Damals war er noch mutig.

Herr Blanc, das zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Roman, ist ein Held der versäumten Gelegenheiten. So vieles wäre möglich, nichts davon packt er. Der von ihm ersehnte Glücksmoment liegt offenbar immer anderswo, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Er weiss aber noch: Man ist damals, in Cambridge, mühelos und ohne weitere Erwartungen wieder auseinandergegangen. Heike ist dort geblieben, in England, und ist Künstlerin geworden. Blanc hingegen ist nach Hause zurückgekehrt, natürlich: in die Nähe seiner Mutter.

Nach Jahren und Jahrzehnten vermutlich einsamen Daseins liest er eine Kontaktanzeige. Er lernt Vreni kennen. Sie ist Witwe, seit einiger Zeit schon, und noch immer trauert sie um ihren Norbert. Jede Woche sucht sie sein Grab auf, auch als sie längst schon ihren Anton hat, Anton Blanc. Er hat sie geheiratet, weil er Sicherheit will und die Einsamkeit scheut. Vreni will und scheut genau das gleiche. Der emotionale und hormonelle Einsatz der beiden scheint allerdings eher gering, glücklich werden sie zusammen nicht. Sie fusionieren, addie-ren bloss ihre täglichen Anstrengungen, ein Mensch zu sein.

Und sie können ihr Leben nicht entrümpeln, sich selber nicht enträtseln.

Der Vorteil scheint bisweilen bei Vreni zu liegen. An ihrer Arbeitsstelle bekommt sie gelegentlich Komplimente von anderen Männern, und sie tut so, heisst es, "als wäre sie glücklich". Herr Blanc ist natürlich auf der Hut: "Herr Blanc wusste, dass er seiner Frau keine Komplimente machen durfte. Wenn er ihr Komplimente machte, fühlte sie sich immer noch schöner, noch besser, bis sie sich zu gut für ihn halten würde, bis sie allein an Anlässe gehen und sich mit anderen Männern unterhalten und ihn schliesslich verlassen würde. Wenn sie wirklich daran glaubte, eine attraktive Frau zu sein, war es möglich, dass es ihr gelang, die Leute zu täuschen und glauben zu lassen, dass sie eine attraktive und erfolgreiche Frau war, und dann war es möglich, dass ein gut aussehender, gut verdienender Mann sie nehmen würde."

Eine harte Nuss, dieser Herr Blanc, das werden Sie an diesen wenigen Sätzen erkannt haben.

Vreni kann es ihm nicht recht machen. Einmal sitzt er im Wohnzimmer, er rechnet mit einem Asthmaanfall, und vor allem rechnet er mit dem medizinisch indizierten Eistee, den ihm Vreni bringen soll. Also wartet er. Aber es geschieht nichts, kein Eistee, nirgends. Er hat ja ein Recht auf den Tee, aber es tut sich nichts, also räsoniert er zwischenzeitlich über die Pflicht zur gegenseitigen Unterstützung in der Ehe, die Rede ist von Aufgaben, die ohne Ausnahme wahrzunehmen seien. Davon, dass nicht jede Rolle doppelt besetzt werden müsse. Und da alles Wartenmüssen irgendwann ein Ende hat, weil entweder das Erhoffte eingetreten ist oder weil das Geduldsvorkommen aufgebraucht ist, steht Herr Blanc auf und sagt das seinem Vreni. Er muss schimpfen. Und wenn diese mit einem knappen Satz bedeutet, der Tee stehe schon längst bereit, im Zimmer nebenan, dort, wo er immer sei, der Tee, dann schweigt Herr Blanc. Er glaubt, im Recht zu sein, und er weiss sehr wohl, dass er im Unrecht ist.

Vreni, die ihren Norbert noch lange nicht vergessen hat, muss gegen Antons immer wieder aufflackernde Erinnerung an Heike antreten, und vor allem gegen die allgegenwärtige Mutter: "Wenn er von seiner Mutter sprach", heisst es einmal, "hörte sie interessiert zu und wollte möglichst viel wissen, doch dieses Wissen verwendete sie nachher für ihre Eifersucht und gegen seine Mutter, indem sie alles möglichst genau gleich machte, wie es früher seine Mutter gemacht hatte. Vreni wollte, dass er nicht mehr an seine Mutter dachte. Sie wollte, dass er von seiner Mutter loskam. Ihr Wissen setzte sie gezielt ein, um alles, was ihn an seine Mutter erinnerte, selbst zu besetzen."

Das sind wunderbare Passagen.

Keine Bange, ich werde den Roman nun nicht in Raten vorlesen oder gar nacherzählen. Aber lobend hinweisen möchte ich auf die meisterliche Art, wie er erzählt wird. Wie hier mit wenig Material und wenig Aufwand eine ganze Welt entsteht, in einer Prosa von grosser Dichte. Roman Graf schafft etwas, womit wir Lesenden zunächst gar nicht rechnen, nämlich: Spannung − die simple bange Frage, wie es denn nun weitergehen wird mit Herrn Blanc, mit seiner Mutter, mit Vreni, wie das denn nun war mit Heike.

Er stiftet Spannung durch Neugier, indem er immer wieder Leerstellen einbaut und in Rückblenden erzählt, indem er Unschärfen bewusst unscharf lässt und auf Begründungen verzichtet, die den Figuren nicht zugänglich wären. Er setzt präzise Schnitte und entfacht damit beträchtliche Dynamik. Und er verriegelt den Notausgang zu einer planen Psychologie. Die Sprache gibt sich kühl, sachlich, registrierend. Sie hält gleichsam einen schweren Deckel über den leise und beharrlich köchelnden Emotionen.

Die Figuren, heisst das, dürfen Rätsel bleiben, unterhaltsame Rätsel. Sie dürfen auch befremden.

Roman Graf schafft es, genau diese Fremdheit fremd zu halten und sie doch nahe zu machen. Ohne seine Figuren je zu denunzieren. Er mag sie, das spürt man auf jeder Zeile, und wenn er die Geschichte ihrer Liebe erzählt, dann erzählt er sie als die Geschichte einer Gehemmtheit, nicht bloss eines Misslingens. Er macht es sich und uns Lesenden auf diese Weise unmöglich, seinen Figuren Sympathie zu verweigern − und ebenso unmöglich, sie bloss als Opfer zu bedauern.

Natürlich steckt da sehr viel Raffinesse dahinter. Figuren und Konstellationen dieser Art kann man nicht einfach auf dem Millimeterpapier entwerfen, vieles ergibt sich wohl erst beim Schreiben und durch das Schreiben. In einem Schreibprozess, der genau diese Sicherheiten nicht hat, welche die Figuren beständig suchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Roman Graf während der Arbeit einige Male überrascht worden ist von dem, was seine Figuren dachten und taten, ganz im Sinne eines schönen Satzes von Paul Valéry, in seinen "Cahiers": "Ziel des Werkes", heisst es dort einmal, "Ziel des Werkes ist es, den Werker in Erstaunen zu versetzen."

Ob der "Werker" Roman Graf beim Werken nun tatsächlich erstaunt war und wie oft, das kann ich nicht wissen. Hingegen weiss ich, dass wir Lesenden erstaunt sind, und mehr als das: erfreut, höchst erfreut, entzückt. Also kommt der Mara Cassens-Preis im richtigen Moment. Ich kann Roman Graf nur herzlich gratulieren. Zu loben ist auch die Preisstifterin, ihr Preis ist ungewöhnlich, noch immer, und zu loben ist natürlich die Jury, die eine wunderbare, eine richtige Entscheidung getroffen hat.

Ihnen allen: meine herzlichen Glückwünsche!
 
© MARTIN ZINGG, 2010

 
nach oben Home | News | Programm | Verein | Haus | Vermietung
Service | Forum | Kontakt | English | Impressum | Sitemap
© Literaturhaus 2007