Sehr geehrte Frau Senatorin, verehrte Frau Cassens, lieber Rainer Moritz, liebe Leserinnen und Leser,
die Begegnung eines Menschen mit einem herausragenden Kunstwerk ist oft als Erweckungserlebnis beschrieben worden. Das Leben des so Getroffenen wird mit Macht aus seiner scheinbar fest vorgezeichneten Bahn gerissen. Eine neue Etappe auf dem Lebensweg beginnt.
In einer kalten Winternacht schaltet ein junger Mann das Radio ein. Zufällig wird im Nachtkonzert Beethovens Klaviersonate Nr. 17 d-Moll "Der Sturm" gespielt. Der Moderator kündigt das Stück so an: "Es ist ein Zauberspiel, sein Thema ist die Erlösung, die Entstehung des Guten aus dem Bösen und des Lebens aus dem Tod. Sie hören eine Aufnahme von Swjatoslaw Richter aus dem Jahr 1961."
Die Passage, die nun im Roman "Die Glücksparade" auf die gerade zitierte Anmoderation folgt, ist charakteristisch für die Kunst des Romanciers Andreas Martin Widmann, dem wir den Ich-Erzähler Simon und seine Geschichte verdanken: "Den Vornamen des Pianisten verstand ich nicht in dieser Nacht, ich fand ihn erst später heraus, als ich im Internet danach suchte. Ich hatte nicht geahnt, dass er so bekannt war. Aber aus irgendeinem Grund glaubte ich, etwas ganz Besonderes und Seltenes zu hören, als nach einer weiteren langen Pause die Musik begann".
Beschrieben wird hier ein Erweckungserlebnis. Allerdings eines, das in den Zeiten des Internets geschieht. Die authentische Kraft, der auratische Glanz die einer solchen unerhörten Begebenheit einstmals innewohnten: Sie scheinen noch auf, für einen kurzen Moment. Und dann wird das Ereignis in der Informationsflut des Netzes als schon oft erlebt, als wiederholbar in seine Schranken verwiesen. Fast schon wird es zur Banalität. Und dennoch: Simon hat Swjatoslaw Richters großartiges Klavierspiel gehört - und vielleicht verdanken wir diesem Erlebnis den Erzähler des Romans.
Das nächtliche Erlebnis, mit dem das Romangeschehen endet, ist für mich zum Dreh- und Angelpunkt des Buches geworden. Nach Lektüre dieser Passage auf Seite 216 des Buches lässt sich die Erzählerfigur im Rückblick neu verstehen, neu begreifen. Hier nämlich beginnt der Prozess, an dessen Ende jener Simon steht, der das Geschehen nicht mehr passiv an sich vorüberziehen lässt, der unentschlossen ist und machtlos. Der Simon, den wir als Erzähler kennenlernen, gestaltet seine Erlebnisse und Erfahrungen im Erzählen bewusst. Dieser Erzähler ist es, der uns auf der ersten Seite des Romans berichtet haben wird, ihm komme es vor, als lägen die Ereignisse, von denen er im Folgenden erzähle, schon sehr lange Zeit zurück. Obwohl zwischen den neun Monaten, von denen erzählt wird, und dem Zeitpunkt des Erzählens nicht einmal ein Jahr vergangen ist. Wir werden in diesem Roman einmal mehr, allerdings überraschend neu und frisch, Zeuge davon, wie sich Erwachsenwerden anfühlen kann in einer bestimmten Zeit. An einem bestimmten Ort. In einem bestimmten sozialen Umfeld.
Simons Familie ist in einen Strudel sozialen Abstiegs geraten. Die Mutter hat vor zwei Jahren ihre Stelle in einem Reisebüro verloren. Als sie nach langem Zögern wieder mit der Arbeitssuche beginnt, bietet man ihr einen Job im Weihnachtsgeschäft einer Feinkostabteilung an: Äußerst flexible Arbeitszeiten, für weniger als sieben Euro pro Stunde. Der Vater ist durchaus mit Phantasie, Charme und Witz begabt. Außerdem besitzt er die Gabe, immer alles leichter und besser aussehen lassen zu können, als es ist. Nach dem Scheitern seines ersten Lebens als Platzwart und Torhüter eines Fußballvereins im Hunsrück hat er zuletzt für eine Wach- und Schließgesellschaft Nachtschichten in einer Klopapierfabrik geschoben. Am vorläufigen Tiefpunkt seines Lebensweges nimmt der Vater zu Beginn der Romanhandlung eine Stelle als Platzwart einer schäbigen Campinganlage an. Mit seiner Frau und dem 15-jährigen Sohn Simon, unserem Ich-Erzähler, zieht er in einen der Container auf dem Platz. Hier verfügt die Familie "im Ganzen" über 29 Quadratmeter Wohnfläche, Möbel und andere Habseligkeiten müssen weggegeben werden oder eingelagert. "Wir stehen auf dünnen, morschen Brettern" gibt der Vater seinem Sohn als Weisheit fürs Leben mit.
Die neuen "Nachbarn", wie man einander auf dem Platz nennt, sind zumeist ebenfalls Menschen, die das Leben irgendwann aus der Bahn geworfen hat. Sie haben sich als Dauer- und Saisoncamper in den Containern, Wagen und anderen Provisorien eingerichtet. Wir werden später noch auf einige dieser Menschen zu sprechen kommen.
"Der Campingplatz lag an der Spitze einer Insel. Davor gabelte sich der Fluss in zwei ungleiche Arme, deren einer breit und schnell war. Der andere war ein toter Arm, den man abgeschnitten hatte, als der Fluss begradigt worden war. Von einem Ufer zum anderen waren es kaum mehr als zwanzig Meter, das Wasser floss langsam, und eine Autobrücke aus schweren Holzplanken führte hinüber. Auf der anderen Seite der Brücke stand ein Wegweiser: FERIENANLAGE AUE. Die Straße endete an einem Schotterparkplatz. Vor der Schranke waren zwei Teile eines Bauzauns mit einer Kette zusammengeschlossen, dahinter begann der Campingplatz."
Vielleicht hat hier ein junger Schriftsteller mit der Beschreibung eines Schauplatzes das treffendste Bild gefunden für eine gesellschaftliche Entwicklung, auf die Soziologen seit einigen Jahren hinweisen. In unserer mobilen, flexiblen und allseits vernetzten Gesellschaft tut sich eine Kluft auf. Auf der einen Seite diejenigen, die mithalten können mit der rasanten Geschwindigkeit des begradigten Stroms. Auf der anderen Seite jene, die im Sumpf von Bildungsferne, geringfügigen Beschäftigungen und Perspektivlosigkeit zu versinken drohen.
Andreas Martin Widmanns Roman erzählt von einem prekären Milieu. Sein jugendlicher Erzähler beobachtet genau, er hört genau hin. Seine Sprache ist klar und nüchtern. In Kritiken wurde Simon mit Salingers Holden Caulfield verglichen, aber meines Erachtens teilt er mit dem ganz und gar nicht den coolen, abgebrühten Tonfall. Was die beiden verbindet ist, dass sie sich nichts vormachen lassen. Simon lässt sich nicht täuschen, er will sich von nichts und niemandem blenden lassen. "Es klingt gut, aber es ist nicht wahr." So kommentiert er einen recht euphemistischen Werbetext, mit dem der Vater neue Gäste für die Ferienanlage Aue gewinnen möchte.
Die Geschichten einiger Dauercamper lässt Simon sich von Scholz erzählen, einem Nachbarn, der sich auf dem Bau und als Abrissarbeiter durchs Leben geschlagen hat, und Preisboxer ist er auch gewesen. Bubi lässt dieser Mann sich nennen, Bubi Scholz also. Der erzählt Simon von einem Vorgänger des Vaters, der sich totgesoffen hat auf dem Platz. Von Waldemar, der als Pförtner in einem Altenheim arbeitet, weil er vor 26 Jahren vom Moped gestürzt ist und seither nicht mehr als Monteur, sondern nur noch im Sitzen arbeiten kann. Und von Klaus, dessen Traum es war, eine Flugschule für Stuntmen zu eröffnen, und der das dann "versaut" habe.
Die Lebensläufe, die hier aufscheinen, lassen an uns Leserinnen und Lesern eine Parade vorüberziehen, die keine Parade des Erfolgs oder des Gelingens ist. Schon gar nicht handelt es sich um eine Parade glücklicher Menschen. Auch für die eigene Karriere findet Bubi treffende Worte:
"Hast du beim Boxen Geld verdienst?", fragte ich.
"Ich hab´s versucht. Aber ich bin nie Profi gewesen."
"Wolltest du nicht?"
"Doch. Es reicht nur nicht, irgendwas zu wollen. Das ist nicht wie in Rocky."
"Wie ist es denn?"
"Übel", sagte er. "Und schäbig."
Übel und schäbig also geht es in der Welt zu, von der hier erzählt wird. Spielhallen heißen CASINO MAGIC, und auch banale Fernseh-Spielshows tragen pompöse Namen. "Die Glücksparade" hat zunächst im Text einen Auftritt als großes Versprechen. Lisa Heller, eine hübsche junge Frau, die mit ihren Eltern die Ferienanlage Aue besucht, soll tatsächlich im Fernsehen Moderatorin dieser Quiz- und Zufalls-Show werden. Das sorgt auf dem Platz für einiges Aufsehen. Doch der Plan für "Die Glücksparade" mit Lisa Heller als Moderatorin zerschlägt sich. Und auch diese junge Frau muss die üble und schäbige Seite des Lebens kennenlernen.
Zu den großen Katastrophen und Lebens-Unfällen gesellen sich die kleinen Ungerechtigkeiten und Demütigungen: Simon, der ja eher aus der berüchtigten sogenannten "bildungsfernen" Schicht kommt, bearbeitet eine Hausaufgabe für den Ethik-Unterricht. Jeder Schüler soll eine bekannte Person auswählen, die den eigenen Vornamen trägt. Diese prominente Persönlichkeit soll dann im Unterricht den Klassenkameraden so vorgestellt werden, als sei er oder sie ein Freund. Simon gibt sich Mühe und bittet den Vater um Rat. Der empfiehlt Paul Simon, dessen Musik Simon auf diesem Weg kennenlernt. Und von dem auch das Motto des Romans stammt.
"Paul Simon, sagte ich, als die Lehrerin fragte: Simon, wer ist dein Freund? Ich hatte mir vorgenommen zu sagen, dass ich gern Erfolg mit etwas haben wollte, was ich gut konnte, so wie er, Lieder schreiben, die man nicht wegdrehte, wenn sie im Radio gespielt wurden, und die trotzdem aus irgendeinem Grund nicht billig klangen, sondern so, als hätte man sie schon immer gekannt. Sie legte den Kopf schief, wie sie es immer tat, wenn sie jemandem zuhörte, dann sagte sie, das ginge nicht, weil Simon nicht der Vorname sei, sondern der Familienname. Es klang, als hätte ich ihr etwas Schlimmes angetan, und ich wünschte es mir sogar. Sonst hatte sie mir manchmal leidgetan, doch während sie mich mit diesem gekränkten Ausdruck anschaute, hasste ich sie dafür, denn als andere ihr gesagt hatten, sie hätten die Aufgabe vergessen, hatte sie nur geseufzt."
All das, was er Tag für Tag erzählt bekommt, beobachtet und erlebt, bringt Simon zu dem Schluss, "dass ich nichts davon vermissen würde, wenn es von einem Tag auf den anderen verschwände."
Ist der Roman, den wir heute hier feiern und preisen, also eine gelungene Milieu-Studie? Ja. Das ist er. Und er ist weit mehr als das. Denn der Schriftsteller Andreas Martin Widmann lässt den Leser in seinem Romanganzen das nachvollziehen, was der achtjährige Simon erlebte, als er zum ersten Mal an einem Bierglas nippen durfte: "Es schmeckte bitter, aber es war auch etwas Süßes dabei". Widmann hat den Erzähler seines literarischen Debüts mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen ausgestattet. Simon ist ein leidenschaftlicher Comicleser. Und er zeichnet selbst, mit Talent. Ein feines Sensorium hat der Romancier ihm mitgegeben auf seinen Weg durch den Roman.
Deshalb leuchten im düsteren Panorama des Romans immer wieder Wahrnehmungen, Beobachtungen und Momente besonders hell auf:
Solche Lichtblicke und hellen Momente sind es, die uns Leserinnen und Leser mitten hineingenommen haben ins Romangeschehen. Die tastenden, Worte sparsam dosierenden Dialoge, die Figuren in den Mund gelegt werden, die eigentlich eine große Sprachlosigkeit miteinander verbindet, sind ein Meisterstück. Mitgefühl haben wir entwickelt, mitgefiebert und mitgelitten mit Simon. Vom Beginn des Buches an ist den Lesern klar, dass die Geschichte für Simons Familie nicht gut ausgehen wird. Simon aber, der junge Mann mit dem nüchternen Blick auf die Welt, der Zeichner, der Musikhörer und der Erzähler, für den mit dem Ende des Romans eine neue, die heutige Zeit anbricht: Ihm sei alles Gute und Wahre gegönnt und gewünscht.
Lieber Andreas Martin Widmann, ich danke für diesen Roman und gratuliere zum Mara-Cassens-Preis. Auf das, was literarisch auf "Die Glücksparade folgen wird, bin ich sehr gespannt. Ich wünsche viele gute Ideen - und die Geduld, diese dann auf dem weißen Papier als Figuren und Handlungen Gestalt annehmen zu lassen.
Liebe Mitglieder der Jury, Ihnen gratuliere ich zu Ihrer Entscheidung.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
die Begegnung eines Menschen mit einem herausragenden Kunstwerk ist oft als Erweckungserlebnis beschrieben worden. Das Leben des so Getroffenen wird mit Macht aus seiner scheinbar fest vorgezeichneten Bahn gerissen. Eine neue Etappe auf dem Lebensweg beginnt.
In einer kalten Winternacht schaltet ein junger Mann das Radio ein. Zufällig wird im Nachtkonzert Beethovens Klaviersonate Nr. 17 d-Moll "Der Sturm" gespielt. Der Moderator kündigt das Stück so an: "Es ist ein Zauberspiel, sein Thema ist die Erlösung, die Entstehung des Guten aus dem Bösen und des Lebens aus dem Tod. Sie hören eine Aufnahme von Swjatoslaw Richter aus dem Jahr 1961."
Die Passage, die nun im Roman "Die Glücksparade" auf die gerade zitierte Anmoderation folgt, ist charakteristisch für die Kunst des Romanciers Andreas Martin Widmann, dem wir den Ich-Erzähler Simon und seine Geschichte verdanken: "Den Vornamen des Pianisten verstand ich nicht in dieser Nacht, ich fand ihn erst später heraus, als ich im Internet danach suchte. Ich hatte nicht geahnt, dass er so bekannt war. Aber aus irgendeinem Grund glaubte ich, etwas ganz Besonderes und Seltenes zu hören, als nach einer weiteren langen Pause die Musik begann".
Beschrieben wird hier ein Erweckungserlebnis. Allerdings eines, das in den Zeiten des Internets geschieht. Die authentische Kraft, der auratische Glanz die einer solchen unerhörten Begebenheit einstmals innewohnten: Sie scheinen noch auf, für einen kurzen Moment. Und dann wird das Ereignis in der Informationsflut des Netzes als schon oft erlebt, als wiederholbar in seine Schranken verwiesen. Fast schon wird es zur Banalität. Und dennoch: Simon hat Swjatoslaw Richters großartiges Klavierspiel gehört - und vielleicht verdanken wir diesem Erlebnis den Erzähler des Romans.
Das nächtliche Erlebnis, mit dem das Romangeschehen endet, ist für mich zum Dreh- und Angelpunkt des Buches geworden. Nach Lektüre dieser Passage auf Seite 216 des Buches lässt sich die Erzählerfigur im Rückblick neu verstehen, neu begreifen. Hier nämlich beginnt der Prozess, an dessen Ende jener Simon steht, der das Geschehen nicht mehr passiv an sich vorüberziehen lässt, der unentschlossen ist und machtlos. Der Simon, den wir als Erzähler kennenlernen, gestaltet seine Erlebnisse und Erfahrungen im Erzählen bewusst. Dieser Erzähler ist es, der uns auf der ersten Seite des Romans berichtet haben wird, ihm komme es vor, als lägen die Ereignisse, von denen er im Folgenden erzähle, schon sehr lange Zeit zurück. Obwohl zwischen den neun Monaten, von denen erzählt wird, und dem Zeitpunkt des Erzählens nicht einmal ein Jahr vergangen ist. Wir werden in diesem Roman einmal mehr, allerdings überraschend neu und frisch, Zeuge davon, wie sich Erwachsenwerden anfühlen kann in einer bestimmten Zeit. An einem bestimmten Ort. In einem bestimmten sozialen Umfeld.
Simons Familie ist in einen Strudel sozialen Abstiegs geraten. Die Mutter hat vor zwei Jahren ihre Stelle in einem Reisebüro verloren. Als sie nach langem Zögern wieder mit der Arbeitssuche beginnt, bietet man ihr einen Job im Weihnachtsgeschäft einer Feinkostabteilung an: Äußerst flexible Arbeitszeiten, für weniger als sieben Euro pro Stunde. Der Vater ist durchaus mit Phantasie, Charme und Witz begabt. Außerdem besitzt er die Gabe, immer alles leichter und besser aussehen lassen zu können, als es ist. Nach dem Scheitern seines ersten Lebens als Platzwart und Torhüter eines Fußballvereins im Hunsrück hat er zuletzt für eine Wach- und Schließgesellschaft Nachtschichten in einer Klopapierfabrik geschoben. Am vorläufigen Tiefpunkt seines Lebensweges nimmt der Vater zu Beginn der Romanhandlung eine Stelle als Platzwart einer schäbigen Campinganlage an. Mit seiner Frau und dem 15-jährigen Sohn Simon, unserem Ich-Erzähler, zieht er in einen der Container auf dem Platz. Hier verfügt die Familie "im Ganzen" über 29 Quadratmeter Wohnfläche, Möbel und andere Habseligkeiten müssen weggegeben werden oder eingelagert. "Wir stehen auf dünnen, morschen Brettern" gibt der Vater seinem Sohn als Weisheit fürs Leben mit.
Die neuen "Nachbarn", wie man einander auf dem Platz nennt, sind zumeist ebenfalls Menschen, die das Leben irgendwann aus der Bahn geworfen hat. Sie haben sich als Dauer- und Saisoncamper in den Containern, Wagen und anderen Provisorien eingerichtet. Wir werden später noch auf einige dieser Menschen zu sprechen kommen.
"Der Campingplatz lag an der Spitze einer Insel. Davor gabelte sich der Fluss in zwei ungleiche Arme, deren einer breit und schnell war. Der andere war ein toter Arm, den man abgeschnitten hatte, als der Fluss begradigt worden war. Von einem Ufer zum anderen waren es kaum mehr als zwanzig Meter, das Wasser floss langsam, und eine Autobrücke aus schweren Holzplanken führte hinüber. Auf der anderen Seite der Brücke stand ein Wegweiser: FERIENANLAGE AUE. Die Straße endete an einem Schotterparkplatz. Vor der Schranke waren zwei Teile eines Bauzauns mit einer Kette zusammengeschlossen, dahinter begann der Campingplatz."
Vielleicht hat hier ein junger Schriftsteller mit der Beschreibung eines Schauplatzes das treffendste Bild gefunden für eine gesellschaftliche Entwicklung, auf die Soziologen seit einigen Jahren hinweisen. In unserer mobilen, flexiblen und allseits vernetzten Gesellschaft tut sich eine Kluft auf. Auf der einen Seite diejenigen, die mithalten können mit der rasanten Geschwindigkeit des begradigten Stroms. Auf der anderen Seite jene, die im Sumpf von Bildungsferne, geringfügigen Beschäftigungen und Perspektivlosigkeit zu versinken drohen.
Andreas Martin Widmanns Roman erzählt von einem prekären Milieu. Sein jugendlicher Erzähler beobachtet genau, er hört genau hin. Seine Sprache ist klar und nüchtern. In Kritiken wurde Simon mit Salingers Holden Caulfield verglichen, aber meines Erachtens teilt er mit dem ganz und gar nicht den coolen, abgebrühten Tonfall. Was die beiden verbindet ist, dass sie sich nichts vormachen lassen. Simon lässt sich nicht täuschen, er will sich von nichts und niemandem blenden lassen. "Es klingt gut, aber es ist nicht wahr." So kommentiert er einen recht euphemistischen Werbetext, mit dem der Vater neue Gäste für die Ferienanlage Aue gewinnen möchte.
Die Geschichten einiger Dauercamper lässt Simon sich von Scholz erzählen, einem Nachbarn, der sich auf dem Bau und als Abrissarbeiter durchs Leben geschlagen hat, und Preisboxer ist er auch gewesen. Bubi lässt dieser Mann sich nennen, Bubi Scholz also. Der erzählt Simon von einem Vorgänger des Vaters, der sich totgesoffen hat auf dem Platz. Von Waldemar, der als Pförtner in einem Altenheim arbeitet, weil er vor 26 Jahren vom Moped gestürzt ist und seither nicht mehr als Monteur, sondern nur noch im Sitzen arbeiten kann. Und von Klaus, dessen Traum es war, eine Flugschule für Stuntmen zu eröffnen, und der das dann "versaut" habe.
Die Lebensläufe, die hier aufscheinen, lassen an uns Leserinnen und Lesern eine Parade vorüberziehen, die keine Parade des Erfolgs oder des Gelingens ist. Schon gar nicht handelt es sich um eine Parade glücklicher Menschen. Auch für die eigene Karriere findet Bubi treffende Worte:
"Hast du beim Boxen Geld verdienst?", fragte ich.
"Ich hab´s versucht. Aber ich bin nie Profi gewesen."
"Wolltest du nicht?"
"Doch. Es reicht nur nicht, irgendwas zu wollen. Das ist nicht wie in Rocky."
"Wie ist es denn?"
"Übel", sagte er. "Und schäbig."
Übel und schäbig also geht es in der Welt zu, von der hier erzählt wird. Spielhallen heißen CASINO MAGIC, und auch banale Fernseh-Spielshows tragen pompöse Namen. "Die Glücksparade" hat zunächst im Text einen Auftritt als großes Versprechen. Lisa Heller, eine hübsche junge Frau, die mit ihren Eltern die Ferienanlage Aue besucht, soll tatsächlich im Fernsehen Moderatorin dieser Quiz- und Zufalls-Show werden. Das sorgt auf dem Platz für einiges Aufsehen. Doch der Plan für "Die Glücksparade" mit Lisa Heller als Moderatorin zerschlägt sich. Und auch diese junge Frau muss die üble und schäbige Seite des Lebens kennenlernen.
Zu den großen Katastrophen und Lebens-Unfällen gesellen sich die kleinen Ungerechtigkeiten und Demütigungen: Simon, der ja eher aus der berüchtigten sogenannten "bildungsfernen" Schicht kommt, bearbeitet eine Hausaufgabe für den Ethik-Unterricht. Jeder Schüler soll eine bekannte Person auswählen, die den eigenen Vornamen trägt. Diese prominente Persönlichkeit soll dann im Unterricht den Klassenkameraden so vorgestellt werden, als sei er oder sie ein Freund. Simon gibt sich Mühe und bittet den Vater um Rat. Der empfiehlt Paul Simon, dessen Musik Simon auf diesem Weg kennenlernt. Und von dem auch das Motto des Romans stammt.
"Paul Simon, sagte ich, als die Lehrerin fragte: Simon, wer ist dein Freund? Ich hatte mir vorgenommen zu sagen, dass ich gern Erfolg mit etwas haben wollte, was ich gut konnte, so wie er, Lieder schreiben, die man nicht wegdrehte, wenn sie im Radio gespielt wurden, und die trotzdem aus irgendeinem Grund nicht billig klangen, sondern so, als hätte man sie schon immer gekannt. Sie legte den Kopf schief, wie sie es immer tat, wenn sie jemandem zuhörte, dann sagte sie, das ginge nicht, weil Simon nicht der Vorname sei, sondern der Familienname. Es klang, als hätte ich ihr etwas Schlimmes angetan, und ich wünschte es mir sogar. Sonst hatte sie mir manchmal leidgetan, doch während sie mich mit diesem gekränkten Ausdruck anschaute, hasste ich sie dafür, denn als andere ihr gesagt hatten, sie hätten die Aufgabe vergessen, hatte sie nur geseufzt."
All das, was er Tag für Tag erzählt bekommt, beobachtet und erlebt, bringt Simon zu dem Schluss, "dass ich nichts davon vermissen würde, wenn es von einem Tag auf den anderen verschwände."
Ist der Roman, den wir heute hier feiern und preisen, also eine gelungene Milieu-Studie? Ja. Das ist er. Und er ist weit mehr als das. Denn der Schriftsteller Andreas Martin Widmann lässt den Leser in seinem Romanganzen das nachvollziehen, was der achtjährige Simon erlebte, als er zum ersten Mal an einem Bierglas nippen durfte: "Es schmeckte bitter, aber es war auch etwas Süßes dabei". Widmann hat den Erzähler seines literarischen Debüts mit besonderen Fähigkeiten und Begabungen ausgestattet. Simon ist ein leidenschaftlicher Comicleser. Und er zeichnet selbst, mit Talent. Ein feines Sensorium hat der Romancier ihm mitgegeben auf seinen Weg durch den Roman.
Deshalb leuchten im düsteren Panorama des Romans immer wieder Wahrnehmungen, Beobachtungen und Momente besonders hell auf:
- Teppichstangen, die so vor einem Mietshaus aufgestellt wurden, dass sie sich beim Blick aus einem langsam fahrenden Auto zu Tunneln gruppieren und dann wieder auseinandertreten.
- Eine Satellitenschüssel, die von der Wand des Wohncontainers ragt wie ein Ohr.
- Schnee, der zu Beginn des Buches in den mindestens zwölf oder fünfzehn Schneekugeln einer Nachbarin liegt; und der am Ende des Romans dann immer dichter vom Himmel fällt.
Solche Lichtblicke und hellen Momente sind es, die uns Leserinnen und Leser mitten hineingenommen haben ins Romangeschehen. Die tastenden, Worte sparsam dosierenden Dialoge, die Figuren in den Mund gelegt werden, die eigentlich eine große Sprachlosigkeit miteinander verbindet, sind ein Meisterstück. Mitgefühl haben wir entwickelt, mitgefiebert und mitgelitten mit Simon. Vom Beginn des Buches an ist den Lesern klar, dass die Geschichte für Simons Familie nicht gut ausgehen wird. Simon aber, der junge Mann mit dem nüchternen Blick auf die Welt, der Zeichner, der Musikhörer und der Erzähler, für den mit dem Ende des Romans eine neue, die heutige Zeit anbricht: Ihm sei alles Gute und Wahre gegönnt und gewünscht.
Lieber Andreas Martin Widmann, ich danke für diesen Roman und gratuliere zum Mara-Cassens-Preis. Auf das, was literarisch auf "Die Glücksparade folgen wird, bin ich sehr gespannt. Ich wünsche viele gute Ideen - und die Geduld, diese dann auf dem weißen Papier als Figuren und Handlungen Gestalt annehmen zu lassen.
Liebe Mitglieder der Jury, Ihnen gratuliere ich zu Ihrer Entscheidung.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
© Thorsten Dönges, LCB, 2013
