Vom kleinen Stein, der ein Pusteblumenschirmchen sein wollte

Es war einmal ein kleiner Stein, der wohnte mitten in einer Wiese. Schon seit er denken konnte, also schon immer, lag er nur so da. Auf ein und demselben Fleck. Die Winter waren besonders langweilig, weil nichts los war ringsum. Alles dunkel, still, graubraunvermodert, höchstens mal eine verirrte Krähe, die lustlos im Boden herumstocherte oder ein paar Schneeflocken, die sich auf ihn setzten, um sich gleich wieder aufzulösen und zu verschwinden.

Sein schönster Tag im Jahr war immer der, wenn er den ersten kleinen grünen Grashalm erblickte, der es durch die steinharte, kalte Erde nach oben geschafft hatte. Ab diesem Moment ging für den kleinen Stein das Leben wieder los. Er konnte gar nicht so schnell gucken, wie alles um ihn herum grün wurde.

Als wäre direkt über seiner Wiese im Himmel ein Farbeimer mit grüner Farbe umgefallen, der jetzt die ganze Erde mit Grün zuschüttete.

Ganz plötzlich, wie durch Zauberhand, waren die Ameisen, Würmer, Mücken und Käfer wieder da, als ob sie niemals weg gewesen wären. Er hatte nie herausgefunden, wo die eigentlich den Winter verbrachten. Dann begann es in der Erde unter ihm zu rumoren und der kleine Stein schloss mit sich eine Wette ab, wer es dieses Jahr zuerst schaffen würde nach oben zu kommen: Der Maulwurf oder die Maus. Meistens tauchte die Nase vom Maulwurf als erstes auf. Das war auch die Zeit, wenn alle Vögel von ihrer Winterreise zurückkamen. Das allerbeste, schönste und größte am Frühling war aber, wenn die Sonne den kleinen Stein mit ihren ersten warmen Strahlen begrüßte!

Im Sommer, wenn alles ringsum schön bunt war, es überall wuselte und schwirrte wie wild, konnte der kleine Stein die Wiese gar nicht mehr so richtig sehen, weil ihm hohe Grashalme und Blumen die Sicht versperrten. Das war aber nicht so schlimm, weil sein Liebling direkt vor ihm stand.

Das war ein herrlicher Löwenzahn. Der kleine Stein wusste, wo ein Löwenzahn ist, ist immer was los! Denn er verwandelt sich ständig. Erst ist er einfach nur grün, dann wächst aus seiner Mitte heraus ein langer Stängel und aus dem Stängel kommt eine dicke, fette, gelbe Blüte.

Wahrscheinlich, so dachte der kleine Stein, ist in dieser Blüte ein Magnet, der die Bienen und Mücken anzieht. Denn den ganzen Tag brummten die kleinen Flieger um die Blüte herum, setzten sich manchmal auf sie und steckten ihre klitzekleinen Rüssel mitten hinein in das Gelb. Wenn die Sonne schlafen ging, klappte der Löwenzahn seine Blüte einfach zu und schlief bis die Sonne wieder aufging und er seinen Laden wieder öffnete.

Toll, dachte der kleine Stein. Was der alles kann! Das war aber noch nicht alles! Der Löwenzahn zauberte nämlich noch einmal und machte aus sich eine ganz andere neue Blume. Die gelbe Blüte verschwand und es wuchs ein weißes Büschel heran, das aussah wie ein Pinsel. Dann öffnete sich dieses Büschel und wurde zu einem großen weißen Ball aus lauter kleinen weißen Schirmchen. Das sah wunderschön aus. Ganz zart und fein, fast wie eine Wolke, die auf einem grünen Stängel gelandet war.

Jedes Jahr, alle Jahre wieder, bewunderte der kleine Stein die Zauberkraft dieser Blume und beobachtete gebannt, wie sie sich von einem gelben Löwenzahn in eine weiße Pusteblume verwandelte. Das allerallerbeste passierte dann aber erst noch ganz zum Schluss. Die weißen Pusteblumenschirmchen konnten nämlich fliegen!

So geschah es dann auch in diesem Jahr wieder. Eines Morgens kam die Windfee vorbei, pustete fröhlich in die Pusteblume und alle Schirmchen stoben tanzend in den blauen Himmel hinein. Einige riefen ihm noch zu: „Tschüss, kleiner Stein, tschü....üss!“ Weg waren sie.

Da wurde der kleine Stein so traurig, dass Tränen aus ihm heraus kullerten, wie ein Wasserfall. Fast hätte er vor lauter Weinen nicht bemerkt, dass jemand ihn sanft streichelte und leise zu ihm sprach. Es war die Windfee, sie hatte bemerkt, dass der kleine Stein weinte und war zurückgekommen, um ihn zu fragen: „Warum bist du so traurig, kleiner Stein?“

Der kleine Stein schluchzte weiter und wollte sich gar nicht beruhigen. Aber die Windfee hatte Zeit und wartete geduldig, bis der kleine Stein tief Luft holte und leise zu sprechen begann.

Zuerst sagte der kleine Stein: „Bitte hör‘ nicht auf mich zu streicheln, das ist so schön!“

Die Windfee lächelte und fragte: „Was ist denn nur passiert, dass du so weinen musst?“

„Och“, sagte der kleine Stein, „eigentlich nichts Besonderes. Heute ist nur der traurigste Tag im Jahr. Weil die Pusteblumenschirmchen weggeflogen sind. Und ich kann nicht mit. Ich kann nicht hinaus fliegen in die Welt. Ich kann ja überhaupt gar nichts. Ich kann ja noch nicht einmal laufen. Ich muss eben immer und immer und immer nur so da liegen.“ Dann schluchzte der kleine Stein wieder steinerweichend.

Nun verstand die Windfee, warum der kleine Stein so unglücklich war. Fast hätte sie auch noch weinen müssen. Aber dann besann sie sich und sagte: „Weißt du was, kleiner Stein, ich kann dir bestimmt helfen. Schließlich bin ich ja ausgebildete Windfee und kann den guten Dingen Wünsche erfüllen. Bist du ein gutes Ding?“

„Keine Ahnung, ob ich gut bin. Ich mache ja nichts. Ich liege ja nur so da“, brummte der kleine Stein.

„Oh, aber sieh‘ doch“, sagte die Windfee. „Du hast noch niemals etwas Böses getan, Du hast noch nie gelogen, du hast noch nie einem anderen Lebewesen wehgetan oder das Futter geklaut. Außerdem bist du sehr schön und besonders. Wie ein kleiner Ball siehst du aus, mit hübschen weißen und rötlichen Steifen um deinen Bauch. Vor allem bist du aber ganz anders als all‘ die Blumen um dich herum. Du bist steinalt. So alt, wie eine Pflanze oder ein Tier niemals werden kann. Du bist so alt wie die Welt. Du bist ein gutes Ding. Also kann ich dir einen Wunsch erfüllen! Wie lautet dein Wunsch?“

Der kleine Stein hatte mit großen Augen zugehört. „I.., i.., ich, wü.., wü.., wünsche...“ Vor lauter Aufregung begann der kleine Stein zu stottert, dann war plötzlich sein Kopf ganz leer und er musste wieder weinen. Aber die Windfee hatte Zeit und wartete wieder geduldig, bis der kleine Stein tief Luft holte und leise sagte:

„Mir fällt gerade kein guter Wunsch ein. Mein Kopf ist ganz leer.“

Da musste die Windfee lachen, sie knuddelte den Stein einmal ganz fest und sagte: „Kein Problem, das Beste wird sein, du schläfst noch mal eine Nacht darüber. Ich verspreche dir, dass ich morgen wiederkomme! Schlaf‘ erst mal schön und morgen sehen wir weiter.“

In dieser Nacht schlief der kleine Stein wie ein Stein. Als er erwachte musste er sich erst einmal erinnern, was geschehen war. Ach, wer weiß, ob die Windfee überhaupt noch mal zu mir kommt, dachte er. Bestimmt findet sie mich ja auch gar nicht wieder. Ich bin ja so klein und versteckt auf der großen Wiese. Da kann sie mich nicht sehen. Doch da hörte er schon ein fröhliches „Guten Morgen, mein kleines gutes Ding! Hast Du gut geschlafen? Ist dir ein Wunsch eingefallen?“

Und ehe er richtig nachdenken konnte, hörte der kleine Stein sich sagen: „Ich möchte wie ein Pusteblumenschirmchen fliegen können!“

Das ist aber mal ein schwieriger Wunsch, rutschte es der Windfee heraus, bevor sie sich schnell die Hand vor den Mund legte, denn sie spürte, dass das nicht die richtige Antwort für den kleinen Stein war. So war es auch, denn schon hörte sie ihn schluchzend murmeln: „Dachte ich es mir doch, mir kann nicht mal eine Fee helfen. Ich muss hier liegen bleiben für alle Tage.“

Da streichelte und knuddelte die Windfee den kleinen Stein wieder so, wie am Vorabend und sagte ruhig: „Wenn wir so etwas Schwieriges machen, könnte es aber sein, dass du ganz schön viel Mut brauchen wirst. Hast du Mut, du gutes Ding?“

„Keine Ahnung, ob ich Mut habe, ich liege hier ja immer nur so rum“, antwortete der kleine Stein mutlos.

„Lass‘ mich nachdenken, antwortete die Windfee. Das Beste wird sein, ich schlafe noch mal eine Nacht darüber. Bis morgen ist mir sicher prima was eingefallen! Mein gutes Ding, bald wird alles gut!“ Und so, wie sie gekommen war, war die Windfee auch schon wieder verschwunden.

Nicht nur eine Stunde oder so, nein, den ganzen langen Tag über war der kleine Stein unglücklich. Am Abend war er sicher, dass er nicht einschlafen könnte und die ganze Nacht wach liegen würde. So dachte er, bis seine Augen zufielen.

Doch mitten in der Nacht wurde der kleine Stein von einem Geräusch geweckt. Was war das nur? Es war ein leises Wimmern. Dann spürte er ganz dicht neben sich ein warmes kleines Etwas. Ein ganz kleines Kätzchen hatte sich an ihn geschmiegt, das zitterte und weinte. „Hallo Kätzchen, wo kommst du denn her, mitten in der Nacht?“

„Ich weiß nicht wo ich her komme, ich habe mich verlaufen. Keine Ahnung wie ich wieder nachhause komme. Jetzt muss ich sicher verhungern oder ich werde aufgefressen“, schluchzte das Kätzchen.

Leise antwortete der kleine Stein: „Hab‘ keine Angst, ich bin da. Wir schlafen jetzt erst mal eine Nacht darüber, morgen ist auch noch ein Tag.“

„Ich heiße Tiger“, konnte das Kätzchen gerade noch sagen, dann war es eingeschlafen.

„Tiger, T..i..g..e..r, hallo, haa..l...ooo, wo bist du, Tiger, hallo? Ohhhh mein Tiger, wie schön, endlich, endlich, hab‘ ich dich gefunden!“ Der kleine Stein wurde geweckt von lautem Rufen, Weinen und Lachen. Alles zusammen. Dann sah er nur noch, wie ein Mädchen mit dem Kätzchen am Arm durch das hohe Gras verschwand.

Aha, das ging ja mal gut aus. Kätzchen Tiger ist schon gerettet, dachte der kleine Stein. Und ich, wer rettet mich? Die Windfee hat sich auch nicht blicken lassen.

Doch noch bevor sich der kleine Stein so richtig selber leidtun konnte, bemerkte er, dass das Mädchen mit dem Kätzchen am Arm zurückkam. Es schaute ständig auf den Boden, als würde es etwas suchen. Direkt vor ihm blieb das Mädchen stehen und rief: „Da bist du ja, kleiner Stein. Du warst das doch, der heute Nacht mein Kätzchen beschützt hat. Und wie schön du bist, ganz rund, wie ein kleiner Ball. Dich nehme ich mit, du bringst mir Glück, sei mein Glücksbringer.“

Ehe der kleine Stein sich versah, hatte ihn das Mädchen aufgehoben und in seine Tasche gesteckt. „Pfui, was willst du denn da, komm‘ mir bloß nicht zu nah. Du machst mir noch Kratzer und dreckig bist du auch noch.“ So begrüßte ihn eine Glasmurmel, die auch in der Tasche lag.

Das kann ja heiter werden, dachte der kleine Stein. Aber bevor er etwas antworten konnte, wurde er von dem Mädchen schon wieder aus der Tasche genommen und landete mit einem Platsch im Wasser. Dann gab es einen zweiten Platsch und er erkannte das kleine Kätzchen neben sich, das plitschplatschnass strampelte und aufgeregt versuchte die Nase über dem Wasser zu halten.

„Keine Angst, euch passiert nichts. Aber ich muss euch beide Dreckspatzen doch erst einmal baden, ihr macht sonst noch alles schmutzig im Haus“, hörte er dann das Mädchen lachend sagen.

Von nun an war der kleine Stein nie mehr allein und auch nie mehr immer auf einem Fleck. Das Mädchen nahm ihn überall hin mit. Zum Spielen, auf dem Fahrrad, in die Badewanne. Nachts durfte er sogar in ihrem Bett schlafen. Manchmal nahm das Mädchen den kleinen Stein ganz fest in seine warme Faust und sprach zu ihm: „Kleiner Stein, bring mir Glück, ich muss jetzt zum Zahnarzt.“ Oder: „Heute ist mein erster Schultag, da brauche ich dich!“ Einmal fuhren sie gemeinsam Karussell, da bekam der kleine Stein einen Drehwurm. Es kam auch schon mal vor, dass das Mädchen ihm einen dicken Kuss gab. Eines Tages beobachtete der kleine Stein, wie das Mädchen einen Koffer packte. „Du kommst natürlich mit, kleiner Stein. Wir fliegen mit einem großen Flugzeug in den Urlaub ans Meer.“ Da wurde der kleine Stein ganz aufgeregt und dachte: Jetzt kann ich auch fliegen, wie die Pusteblumenschirmchen, nur noch viel weiter und viel höher!

Dann geschah etwas Schreckliches. Nach einer langen, langen Reise mit dem Flugzeug, war der kleine Stein endlich angekommen an einem fremden Ort in einem fremden Land. Hier war alles anders und er fürchtete sich etwas. Das Mädchen war ganz aufgeregt und eines Tages vergaß es, den kleinen Stein mitzunehmen. So lag er ganz allein in einem großen fremden Bett, bis eine Frau kam mit einer Schürze an und sagte: Ein Stein gehört nicht in ein Bett. Und eh‘ er sich versah, flog der kleine Stein in weitem Bogen aus dem Fenster. Er stürzte ganz schrecklich tief wie ein Stein nach unten.

Das ist jetzt mein letzter Flug, dachte sich der kleine Stein noch, schloss die Augen und landete irgendwo weich im Gras. Bis dahin war alles noch ganz gut gegangen. Dem kleinen Stein war nichts passiert. Er hatte nicht einmal eine Schramme abbekommen. Aber er lag da viele, viele Tage und Nächte, immer am gleichen Fleck und konnte nichts tun. Verzweifelt dachte er, dass das Mädchen nun heim fliegen würde, ohne ihn. Und er müsste dann so da liegen in der Fremde für immer und ewig.

Doch dann, an einem Morgen, hörte der kleine Stein plötzlich eine vertraute Stimme. „Na, du gutes Ding, das ist ja eine schöne Überraschung, dass wir uns hier in der Fremde wiedersehen.“ Es war die Windfee!

„Bitte, liebe Windfee, du musst mir helfen. Und sag‘ jetzt nicht, das sei ein schwieriger Wunsch! Es ist auch keine Zeit mehr eine Nacht darüber zu schlafen! Streng dich an. Ich muss zu dem Mädchen!“

In genau diesem Moment wurde der kleine Stein plötzlich hochgehoben, bekam einen dicken Kuss und verschwand in einer Tasche. Dann hörte er, wie das Mädchen atemlos sagte: „Endlich, da bist du ja! Die ganzen Tage habe ich dich so gesucht. Bis ich eben ganz plötzlich genau wusste, wo du bist! Als hätte mich eine Zauberkraft zu dir geführt. Komisch, immer finde ich dich im Gras. Jetzt müssen wir uns aber beeilen, gleich fliegen wir zurück nach Hause.“

Als sie dann mit dem großen Flugzeug glücklich über den Wolken schwebten, dachte der kleine Stein an die Windfee. Ob sie jetzt auch mit dem Flugzeug nachhause flog? Aber so eine Fee braucht ja gar kein Flugzeug um zu fliegen. Und eigentlich ist es ja auch unwichtig, ob die Windfee hier ist oder dort. Ich weiß ja, sie ist für mich da. Überall auf immer und ewig.

von Monika Lisson (63)