17.4.

High Voltage – Franz Hohler – Abgesagt!

liest aus »Fahrplanmäßiger Aufenthalt«

Das Schreiben des 1943 im schweizerischen Biel geborenen Schriftstellers Franz Hohler ist immer auch ein Reisen. Nicht selten entsteht es unterwegs, an Bahnhöfen oder Flughäfen, im Gehen oder Warten. 

»Fahrplanmäßiger Aufenthalt« (Luchterhand) versammelt die neueste Kurzprosa dieses großen Meisters der kleinen Form. Mit Vorliebe widmet er seine Aufmerksamkeit den alltäglichen Beobachtungen, Begegnungen und Begebenheiten, die sich auf kleinstem, nicht mehr als zwei Druckseiten überschreitendem Raum entfalten. Die Miniaturen führen in die Ferne, nach Sarajevo, Kenia, Odessa oder auf den Maidan nach Kiew. Sie führen aber auch in einen Wartesaal am Bahnhof Schwäbisch Hall oder zur Birke vor dem eigenen Haus. Brillant beiläufig und pointiert öffnen sie die Fenster in die Wirklichkeit – die fremde wie die eigene – oder gleiten unvermutet ins Fantastische. Heiteres und Tragisches wechseln sich ab. Hohlers Schreiben hält beides eng beieinander und erzählt von den unberechenbaren Wendungen unseres Alltags und wie gerade die kleinen Gesten und Momente dort unerwartetes Glück bergen. Immer wieder hält der Autor inne bei eben diesen Momenten, füllt sie aus mit Stille und spürt den brüchigen Augenblicken von poetischer Schönheit nach, ehe sie wieder aus dem Bild verschwinden. 

Franz Hohler, diesen Auftrittskünstler par excellence, auf der Bühne zu erleben ist ein einmaliges Vergnügen.

ZUGABE! Diesen Text wollte Franz Hohler als Zugabe vortragen. 

Die schönste Erinnerung

»Und was ist denn, Frau Ehrenzeller, Ihre schönste Erinnerung?« fragte der Stadtpräsident die Hundertjährige mit jovialem Lächeln, nachdem sie sich mit Hilfe des Altersheimleiters im frisch geschenkten Lehnstuhl niedergelassen hatte.
»Wie bitte?« fragte die Jubilarin mit leicht vorgerecktem Kopf.
»Ihre schönste Erinnerung?« wiederholte der Stadtpräsident mit angehobener Stimme.
»Sie meinen..?« fragte Frau Ehrenzeller nochmals, indem sie ihre Hand an die Ohrmuschel hielt.
»Welches Ihre schönste Erinnerung ist!« schrien der Stadtpräsident und der Altersheimleiter fast gleichzeitig.
»Ach«, sagte die alte Frau und lachte, »meine schönsten Erinnerungen sind eigentlich sexueller Natur.«
»Oh«, sagte der Stadtpräsident und nickte, »warum auch nicht? Also dann, Frau -«
»Insbesondere«, fuhr die Hundertjährige fort, »denke ich mit Genuss an die Zeit zurück, in der ich zwei Freunde gleichzeitig hatte.«
»Na«, hüstelte der Stadtpräsident, »da kommen ja schöne Dinge aus, Frau -«
»Wir hatten«, sagte die Gefeierte und lehnte sich mit halbgeschlossenen Augen in den Sessel zurück, »wunderbare Dreier zusammen, zum Beispiel nahm mich der eine von hinten, während ich den anderen -«
»Frau Ehrenzeller, wir bringen Ihnen jetzt die Geburtstagstorte!« rief der Altersheimleiter beschwörend.
»Wissen Sie, das Gefühl, mit beiden Händen zuzugreifen und links und rechts neben sich einen Mann stöhnen zu hören, das möchte ich in meinem Leben keinesfalls missen. Oder habt ihr so etwas nie ausprobiert, ihr zwei Lausbuben?« fragte sie die beiden Hauptgratulanten fröhlich.
Aber als nun gross und sahnig eine Geburtstagstorte mit 100 Kerzen von zwei gertenschlanken jungen Zivilschützern auf einem Servierboy hereingeschoben wurde, hatten der Stadtpräsident und der Altersheimleiter bereits die Flucht ergriffen.

aus: Franz Hohler: »Die Karawane am Boden des Milchkrugs«
(tb Sammlung Luchterhand, München, 2003) 

Ein gemeinsames Festival von Stromnetz Hamburg und Literaturhaus Hamburg

 

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Informationen
Datum
Freitag, 17.4.2020
Zeit
19.30 Uhr
Eintritt
Die Veranstaltung findet nicht statt
Ort
Museum für Hamburgische Geschichte, Hörsaal, Holstenwall 24

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