10.4.

preis der literaturhäuser: anselm glück

Der Autor und Künstler Anselm Glück erhält den Preis der Literaturhäuser und liest
Paul Jandl hält die Laudatio

Der siebte Preisträger des Preises der Literaturhäuser heißt Anselm Glück, wie die Leiterinnen und Leiter der Literaturhäuser auf der Leipziger Buchmesse verkündeten. Mit dem Österreicher Glück wird ein Autor geehrt, der in über 30 Jahren ein umfangreiches Werk aus Prosa, Theaterstücken, Sprechtexten und zuletzt dem Roman „Die Maske hinter dem Gesicht” (Jung und Jung) geschaffen hat. In der Preisbegründung heißt es: „Anselm Glück ist ein Meister der aphoristisch zugespitzten oder in absurdem Tautologienschnee untergehenden philosophischen Betrachtung, der grotesken Glossen oder heiter-anarchischen Geschichten. Die collagierende Mischung dieser und einiger weiterer Sprechweisen führt zu Textgeweben, die auf unterhaltsame und zugleich analytische Weise von unserer Gegenwart zu erzählen vermögen.”

Der Preis, der seit 2002 jedes Jahr an einen Autor oder eine Autorin vergeben wird, der mit seinem literarischen Werk und seinem Vortragsstil Maßstäbe setzt, besteht aus einer Lesereise durch die Literaturhäuser und ist mit 8.000 Euro dotiert. ***  „Fast wär ich’s nicht” - Lobrede auf Anselm Glück
 Von Paul Jandl

Man hüte sich vor dem, was man selbst geschrieben hat. Die Worte können wiederkehren und sich gegen den Dichter wenden. In Anselm Glücks letztem Roman steht ein Satz, der ihm jetzt in allen Rezensionen noch einmal begegnet. Dieser schlichte und kurze Satz lautet: „Ich möchte in keiner Haut stecken“. In seiner Haut steckt Anselm Glück seit etlichen Jahren, und wir wollen hier nicht darüber befinden, ob das ein Vergnügen ist oder nicht. Zumindest heute hat Anselm Glück das Glück, in seiner Haut zu stecken, denn sonst sässe er nicht hier. Es ist eine vertrackte Sache mit dem Ich und der Welt, das wusste schon die Wiener Gruppe, und das wusste ihr Oberskeptiker Konrad Bayer, den ich in Sachen Anselm Glück gerne ins Feld führe, auch wenn letzterer da ebenso gerne abwinkt. Konrad Bayer, der Verfechter der radikalen Subjektivität, ist einer der Schutzheiligen der österreichischen Literatur, und ich glaube, er ist auch ein Schutzheiliger des Werks, von dem hier die Rede sein soll. In „Falschwissers Totenreden“, dem Buch Anselm Glücks, das 1981 bei Suhrkamp erschienen ist, finde ich folgende Schlüsselszene: „wie still ich dalag. ein menschlicher körper, ausgestreckt unter einer decke, ein lebender blasebalg, der sich immer wieder aufbläht und in sich zusammensackt. der kleine kopf, aus dessen schädelkuppe sich langsam haare schieben, die geschlossenen augen, die ohren, die nase, der halboffene mund als schwarzes loch mit röhren in den leib hinein. ein hals. die brust, in der jahrein-jahraus der lebensmuskel zuckt (…).“ An dem Punkt, wo sich langsam die Haare aus der Schädelkuppe schieben, markiert ein kleiner Stern einen Verweis auf das Ende der Seite: „Konrad Bayer“ steht da. „wie still ich dalag“, heisst es bei Anselm Glück, und in Konrad Bayers Roman „der kopf des vitus bering“ ist überdies zu lesen: „da lag er mit einer geschwindigkeit von 29,76 kilometer in der sekunde“. Da liegen sie, die Figuren von Konrad Bayer und Anselm Glück. Und schon im Liegen sind sie auf grosser Fahrt, hinaus in die Wirklichkeit, ein Abenteuer, das erst einmal zu bestehen ist. Ein Abenteuer, bei dem vor allem eines keine Gewissheit bietet: die Sprache.

Wo der Riss liegt, der das Subjekt von der Welt trennt, ist wahrscheinlich nie genau zu sagen. Aber ich glaube, dass es bei dem, was Anselm Glück macht, um ebendiesen Riss geht. Glücks Literatur schafft kein Ganzes, wie es die Romane tun, die sich ironisch mit den Kalamitäten des Globus befassen, Romane, die gerne politisch tun, oder die rund um ihre Helden eine ganze wohl gefügte, sozusagen „realistische“ Wirklichkeit bauen. Anselm Glücks Literatur kennt keine Selbstverständlichkeiten, und gerade deshalb stellt sie die Ordnung unserer Wahrnehmungen, unserer Empfindungen und unserer Sprache immer wieder in Frage. Die Bücher Glücks sind Erklärungen von Grund auf. Der Ton von Regelwerken oder Lebensanleitungen ist aus seiner Literatur herauszuhören. Nicht selten stehen Ziffern über den einzelnen Abschnitten seiner Prosa, die wie Paragraphen wirken. Unter Nummer 262 des Buches „die eingeborenen sind ausgestorben“ heisst es: „oder die wirklichkeit begleitet als aussendienst des augenblicks die gegenwart durch den moment und alles wirkt und ist als welt vorhanden nur führt unser wollen dem denken eben nicht die folgen vor.“ Unter Ziffer 65 wird erklärt: „das gesetz verlangt treue / es weiss, dass es sie notwendig braucht“. Und das Schreiben? Dem widmet sich der Paragraph 290: „ein werk setzt sich aus teilen zusammen. während dem dichter die satzscheiben rotieren, werden sie angeordnet und ans werk montiert. der dichter saugt dabei ‚sinn’ an, komprimiert ihn und leitet ihn weiter. die sich im dichter ausdehnende anordnung stösst die rotation wieder zurück und ‚sinn’ wird weiter angesaugt. im dichter müssen die belastungen halten. das material soll sich formen.“ Bei Anselm Glück formt sich das Material der Welt nicht widerspruchsfrei, seine Prosa zeigt nicht nur die klappernde Mechanik des kreativen Prozesses, sondern auch von dem, was vielleicht nur noch die Sentimentalsten der Sentimentalen „Schöpfung“ nennen. Was sind die Wörter? „luftbewegung mit sinn“. Wenn es drauf ankommt, und es kommt immer drauf an, dann ist Anselm Glück ein Meister der negativen Poesie. Schöner beschreibt keiner die Niedertracht der Welt, poetischer wird niemand vom sinnlos funkelnden Zauber des Kosmos reden, der sich allnächtlich über uns am Himmel aufspannt. Wir leben „während die Welt uns in rasendem Tempo herumwirbelt und fortträgt, durch eiskalte Weiten, in denen Trümmer auf Kreisbahnen taumeln und in denen überall ferne Gestirne verglühen, in jähem Donnerschlag weggerissen und auf der anderen Seite still auf neue Beine gepfählt, um loszumarschieren, von Ewigkeit zu Ewigkeit, immer rundum, und jedesmal wieder betriebsbereit zum, wohlan, noch und noch und noch einmal”. Das Zitat stammt aus Anselm Glücks letztem Buch, das mit dem Titel „Die Maske hinter dem Gesicht“ 2007 erschienen ist, und das ich für einen der wichtigsten Romane der österreichischen Literatur der letzten Jahre halte. Die mikrokosmischen Katastrophen des Romanhelden gehen nahtlos in die Misere des Makrokosmos über. Es ist ein grosser Roman von hohem Witz und von philosophischer Tiefe, der einmal mehr den Riss zwischen Ich und Welt beschreibt. Nicht ganz von ungefähr ist es ein zur sanften Hypochondrie neigender Schriftsteller, dessen Leben sich - zumindest geographisch - im Rahmen österreichischer Überschaubarkeit abspielt, genau genommen zwischen Graz, Linz und Wien. Auch einschlägig bekannte Personen tauchen auf. „Fredi Kolleritsch geht vorüber“, heisst es einmal, aber eigentlich interessant sind sinistre Herren wie Burgstaller und Bulle-Pinzinger, und die Frauen, die dem Helden mit unterschiedlicher Intensität nachstellen. Sie tragen so schöne Namen wie Hel, Gerda oder Kimberli und sind doch nur die erotische Variante einer gross angelegten Verschwörung: „Man versucht mich zu zerrütten. Systematisch“, heisst es in einem Roman, der sich mehr als alle anderen Bücher Anselm Glücks zur Geschichte formt. Doch man misstraue dieser Idylle, so wie der Autor selbst ihr misstraut. „Die Maske hinter dem Gesicht“ ist auch eine Art Entwicklungsroman, weil er einen idiosynkratischen, nach Glück strebenden Helden hat. Einen, dem sich der Himmel nicht auftut, ohne dass sich darin eine Hölle spiegelt. „Der Himmel macht ein kleines Geräusch, wie zum Spass, und zwischen uns klang es wie Donnerschläge”, heisst es an einer Stelle. Aus einer bösartigen Linzer Kindheit hat sich der Ich-Erzähler herausgearbeitet, um jetzt den wuchtigen Schlägen des Schicksals auszuweichen wie früher der Faust des Vaters. Wenn der Roman von den tristen Abenden einer Familie erzählt, die im Linzer Arbeiterviertel wohnt, dann ist er von einer schrecklichen Exaktheit. Die biografischen und wohl auch autobiografischen Passagen des Buches zeigen, dass all das Gesagte keine blosse Etüde ist, kein Spass einer nachholenden Avantgarde, sondern dass es hier um ernste Fragen geht. Wenn Glücks Held zwischen den Schlachten, die er zu führen hat, vor den Spiegel tritt, dann ist „die Maske hinter dem Gesicht” keine kalauernde Metapher. Es ist, um es in einer anderen Metapher zu sagen, ein drohend doppelter Boden.

Ich kenne niemanden, der so schöne Titel für seine Bücher findet wie Anselm Glück und alle sind sie diesem Prinzip verpflichtet. „die eingeborenen sind ausgestorben“ ist einer davon, andere sind „ich kann mich nur an jetzt erinnern“, „eiserne mimosen“ oder „wir sind ein lebendes beispiel“. Eine Ausstellung von Glücks Bildern hiess: „Auf das Beste wartet man am längsten vergeblich“. Vielleicht sind Anselm Glücks Bücher deshalb so gut, weil sie aus einer Art böser Poesie leben, weil sie ihr immenses Gefühl für Schönheit nicht zur Erzeugung von Kitsch einsetzen, sondern für Abgründigkeit? Von Franz Kafka gibt es ein Zitat, dass vielleicht mit dem, was Glück macht, sehr viel zu tun hat. Kafka schreibt in seinem „Dritten Oktavheft“: „Wie willst Du an die grösste Aufgabe auch nur rühren (…) wenn Du dich nicht so zusammenfassen kannst, dass Du wenn es zur Entscheidung kommt, Dein Ganzes in einer Hand so zusammenhältst wie einen Stein zum Werfen, ein Messer zum Schlachten.“ Die Beschleunigung im Gedanken, eine Plötzlichkeit der Literatur, die scharf sein kann wie ein Messer, ist auch bei Anselm Glück zu finden. Es ist das Ich seiner Bücher, das sich auf diese Weise in die Welt und damit in die Schlacht wirft. Auf den Punkt gebracht sind die Figuren dieser Literatur, wenn es in ihren Reden scharfzüngig hergeht, wenn der Gemeinplatz als Versammlungsort einer Öffentlichkeit decouvriert wird, die nicht die ihre sein kann. Literatur ist bei Anselm Glück blossgelegte Sprache. Und dass ihm dafür jedes Mittel des Witzes recht ist, hat seinen Büchern nicht geschadet. Im Zweifelsfall: Anselm Glück ist der komischere Kafka.

Auch wenn der österreichische Schriftsteller mit seinem letzten Roman ein Buch von beachtlichen dreihundert Seiten abgeliefert hat, ist das Epische kaum seine Sache. Es gibt Grossschriftsteller, die ein einziges Apercu auf die Länge eines Monumentalromans ausdehnen können, nicht so Anselm Glück. Seine Zuspitzung braucht weder bestimmte Formen noch ein bestimmtes Medium. Was ein gültiger Satz werden will, das erkennt man schon von weitem. Auch etwa den Satz über die Komplizenschaft zwischen Autor und Leser. In „Die Maske hinter dem Gesicht“ grüsst der Erzähler wiederholte Male aus dem Buch heraus, und er sagt zur geradezu sprichwörtlich geneigten Leserin: „Ich möchte, dass Sie diesen Satz sorgfältig betrachten und dass Sie herausbekommen, was er vorhat. Mit anderen Worten, wir beschatten die selbe Sache von zwei verschiedenen Seiten.“ Das ist der hermeneutische Trick des Anselm Glück, sein Prozess des Schreibens. Was die Sätze vorhaben, beobachtet er, wenn er sie in ihren frühen Stadien in sein Notizbuch notiert. Und er ist damit nicht anders als der Maler, der Anselm Glück ja auch ist. Wie gesagt: Im Grunde ist es nicht so wichtig, in welchem Medium Glück arbeitet. Die Figuren seiner Bilder wachsen aus der weissen Fläche wie die Sätze aus den Gedanken. Die Innenwelt verschrauben sie mit der Aussenwelt. Wer darin aber das Pathos der Poesie wittert, liegt vollkommen falsch.   

Als ich Anselm Glück das erste Mal bei einem seiner Vorträge gesehen habe, muss das Mitte der achtziger Jahre gewesen sein. Es war wohl das Buch mit dem Titel „Ohne Titel“ aus dem er damals las. Das heisst, er hat nicht daraus gelesen, sondern den Text, wie man das so schön nennt, „auswendig“ hergesagt und ihn mit sparsamen, dafür aber umso eindringlicheren Gesten begleitet. Dass die Sprache seiner Bücher einen Raum hat, dass der Gedanke auch gegen etwaige Widerstände einen Gestus behauptet, hat Anselm Glück mit seinen Lesungen zwingend gezeigt. Was diesen Schriftsteller auszeichnet, ist der emphatische Glaube an ein geradezu physikalisches Eigenleben der Sätze. Wenn ich richtig informiert bin, dann bekommt Anselm Glück den Preis der Literaturhäuser nicht nur für sein Werk, sondern auch für seine dichterische Präsenz. Es hätte kaum einen würdigeren Preisträger gegeben. „Fast wär ich’s nicht“ heisst ein Zyklus Anselm Glücks. Und er ist es doch. Sehr geehrter Herr Glück, lieber Anselm, herzliche Gratulation!

Eine Veranstaltung des literaturhaeuser.net | ARTE - Der Medienpartner des literaturhaeuser.net | Medienpartner NDR Info
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Informationen
Datum
Donnerstag, 10.4.2008
Zeit
20.00 Uhr
Eintritt
€ 8,-/6,-/4,-
Ort
Literaturhaus - Schwanenwik 38 - 22087 Hamburg

nächste Termine

Rainer Moritz und Annemarie Stoltenberg © Gunter Glücklich
11.12.
Datum:
11.12.2018
Zeit:
19.30
Uhr
Eintritt:
12,–/8,–
Ort:
Literaturhaus
Foto © Stefanie Segatz
11.12.
ab 5
Datum:
11.12.2018
Zeit:
9.00/11.00
Uhr
Eintritt:
80,– pro Klasse
Ort:
Literaturhaus
Anna Bartling © Daniel Dittus
19.12.
Datum:
19.12.2018
Zeit:
19.30
Uhr
Eintritt:
12,–/10,–
Ort:
Literaturhaus