Fisch an der Angel

Als wir über den Steg gehen, macht es ein knusperiges Geräusch. Das ist die Möwenkacke unter unseren Gummistiefeln, die hier in der Sonne festgetrocknet ist. Es ist fast windstill, und der Fjord schimmert ganz silbern im Morgenlicht.

Wir haben unsere Angeln über den Schultern, Stine geht vorweg, ganz bis zum Ende vom Steg. Dort liegt unsere Molly und dümpelt vor sich hin. Molly gehört schon sehr lange zu uns. Opa ist mit ihr zum Fischen rausgefahren, und ich glaube, sein Opa auch schon. Stine hat Molly herangezogen und wir springen nacheinander an Bord. Es ist ein bisschen rutschig vom Morgentau, und natürlich kacken die Möwen auch das Deck voll, da muss man etwas aufpassen. Während Stine Benzin in Mollys Motor füllt, hole ich die blauen Pfänder ein und verstaue sie in der Backskiste. Es muss immer schön aufgeräumt sein, sonst verheddert man sich in einer Leine und, schwupps, geht man über Bord.

„He, ihr frühen Würmer! Fahrt ihr los, ohne mir Tschüss zu sagen?“ Opa ist nun auch auf den Steg runtergekommen. Neben ihm steht Fritter und bellt aufgeregt. Unter Opas Jacke lugt sein Schlafanzug hervor, und er ist mit nackten Füßen in die Holzschuhe geschlüpft. Fritter läuft jetzt wie ein Irrer auf dem Steg hin und her, er will unbedingt mit uns mitkommen. Als wir losgegangen sind, hat er noch an Opas Fußende geschlafen. „Na los, Fritter!“, rufe ich ihm zu, und er springt mit einem langen Satz und wehenden Ohren an Deck.

„Ja ja, lasst mich ruhig alle allein“, brummelt Opa und zieht die weißen Augenbrauen zusammen. Aber ich sehe genau, dass er eigentlich ganz vergnügt auf seiner Pfeife herumpafft.

„Man sieht sich“, sagt Stine nur und schraubt den Deckel auf den Benzinkanister.

„Wir kommen ja bald wieder!“, rufe ich Opa zu.

„Bestimmt geht euch ein besonders feiner Dorsch an die Angel!“, ruft er zurück und zwinkert übertrieben.

Zur Antwort startet Stine den Motor. Molly heult einmal kurz auf, dann fängt sie an zu blubbern, langsam und tief, dann immer schneller. Ich zwinkere Opa auch zu, denn ich weiß genau, welchen Dorsch er meint.

„Bleibt nicht zu lange draußen, das Wetter kippt nachher“, höre ich Opa noch durch das Blubbern rufen, und ich schaue in den blitzblauen Sommerhimmel.

Rückwärts tuckern wir aus unserer Bootsstelle heraus. Dann winke ich, bis er sich umdreht und auf seinen langen dünnen Schlafanzugsbeinen zurück zu unserem Haus stakst.

Viele Leute würden sich wünschen, in so einem Haus zu leben, das weiß ich von den Feriengästen, die jeden Sommer hierherkommen und vor unserer Pforte zwischen der Hagenbuttenhecke stehenbleiben. Sie sagen dann: „Ah!“ und „Oh!“ und „Schau mal, wie idyllisch, wenn man hier bloß ...!“ Es ist ein hellgrünes Holzhaus mit weißen Fenstern, und es liegt fast direkt am Wasser. Eine Treppe und ein kleiner Trampelpfad führen zwischen den raschelnden Birken hinauf. Opa hat hier schon immer gewohnt, und ich glaube, sein Opa auch. Stine und ich wohnen hier jeden Sommer.

Fritter und ich gehen nach vorne an den Bug und lassen uns den Fahrtwind um die Nasen wehen. Es riecht herrlich nach Salz, Benzin, Möwenschiet und Algen, und Fritter riecht auch ein bisschen. Wenn er aufgeregt ist, fängt sein Fell an zu müffeln, aber auf eine gute Art.
Wir drehen nach Backbord, an der ersten orangenen Boje vorbei, und halten uns parallel zum Ufer. Die kleinen Häuser sonnen sich im Morgenlicht. Ich sehe unser Haus und das von Ole Thomsen und ein Stückchen weiter das von der dicken Ulla, die immer unser Grillfest organisiert. Dann steuern wir an der Landzunge vorbei, und jetzt sieht man nur noch Bäume, Wiesen und Pferdekoppeln und hier und dort ein paar Ferienhäuser.

Der Motor wird langsamer, wir tuckern in die Bucht hinein. Hier gibt es morgens immer die meisten Dorsche. Fritter weiß, dass er jetzt nicht bellen darf, denn die Fische hören es sogar unter Wasser und beißen nicht an. Während wir unsere Angeln auswerfen, legt er sich ganz flach an Deck und beobachtet aus seinen traurigen Hundeaugen die Möwen, die um uns herum kreisen.

Vielleicht klingt es langweilig, aber ich mag es, einfach hier neben Stine zu sitzen. Wir reden gar nicht viel. Unsere Schwimmwesten reiben aneinander, und Stine hat uns Tee in die gelben Plastikbecher eingeschenkt, Frühstückskekse gibt es auch. Es ist so schön, weil man auf einmal ein Teil von dem ganzen Drumherum wird. Man fühlt sich wie das glucksende Wasser, wie der Wind, die Sonne, die Möwen und ...

Erst zuckt Stines Angel, dann meine. Zwei, drei, vier Dorsche ziehen wir aus dem Wasser. Man muss ihnen schnell auf den Kopf hauen, damit sie nicht lange leiden. Und dann beißt bei mir sogar eine Makrele! Sie hat schillernd getigerte Haut, und ich finde sie so hübsch, dass ich sie hinter Stines Rücken wieder ins Wasser lasse.

Stine legt immer wieder die Hände über die Augen und späht zum Ufer. Als ich gerade schon denke, dass wir nun zusammenpacken und zurückfahren, höre ich ein Brummen. Ich lege auch die Hände vor die Augen und sehe das gelbe Schlauchboot, dass auf uns zu schaukelt.

„Ach, guck mal, da kommt ja der feine Dorsch!“, sage ich.

Stine knufft mir in die Seite und macht sich an ihrer Angel zu schaffen. Natürlich ist es kein Dorsch, der da im Schlauchboot sitzt. Es ist der Junge aus dem Ferienhaus, das ständig vermietet ist. Hannes heißt er, und ich glaube, er kommt aus Deutschland. Stine spricht Englisch mit ihm, und meistens tut sie so, als ob sie gerade loswill, wenn er angefahren kommt.

„Hi!“, Hannes würgt den Motor ab und grinst breit. Er ist schön braun von der Sonne, und er fasst sich ständig ans Ohrläppchen, wenn er Stine sieht.

„Hi“, sagen wir beide nacheinander und Stine klappt die Backskiste auf und schaut hinein, als ob es darin etwas ganz besonders Wichtiges zu gucken gäbe.

„How are you?“, fragt Hannes und fasst sich ans Ohrläppchen.

„Fine!“, sagt Stine in die Backskiste. „We’ve been fishing. But we’re just done.“

“Oh, really”, Hannes sieht enttäuscht aus und er tut mir fast ein bisschen leid. „See you at the Grillfest tomorrow?“ Er sagt tatsächlich Grillfest und spricht es sehr deutsch aus.

„Sure!“, sage ich.

„Hm, maybe“, sagt Stine. Dann zieht sie an der Motorleine. Hannes bewegt noch die Lippen, aber man versteht ihn nicht durch das Heulen unseres Außenborders. Er winkt mit seiner braungebrannten Hand und hantiert auch an seinem Motor herum. Aber da hat Molly schon eine scharfe Wende gedreht und nimmt Kurs auf die Landzunge. Das gelbe Schlauchboot tuckert weiter auf den Fjord hinaus.

„Hier, nimm du mal!“, sagt Stine und jetzt setze ich mich an die Pinne. Steuern kann ich fast genauso gut wie sie, aber Fische ausnehmen mag ich nicht.

Fritter wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und winselt. Er liebt den Glibberkram aus ihren schillernden Bäuchen. Die Möwen lieben ihn auch, sie verfolgen uns in einem dichten, kreischenden Schwarm, und ich fahre absichtlich kleine Schlangenlinien, um sie zu ärgern.

Als wir am Steg anlanden, ist es frischer geworden. Ich habe Gänsehaut, und die kleinen Haare an meinen Armen stehen ab. Fritters Ohren flattern im Wind. Schnell mache ich Molly an einer Seite fest, Stine übernimmt die andere. Dann macht sie sich auf den Weg hinauf zum Haus, mit dem Fischeimer in der Hand. Fritter reckt die Schnauze in die Luft und bellt immer wieder auf den Fjord hinaus.

„Komm, Fritter“, rufe ich und klopfe mir ans Bein, wie Opa es auch immer macht. Dann rennen wir die Holztreppe hinauf, unter den rauschenden Birken hindurch und ins Haus hinein. Opa trägt jetzt keinen Schlafanzug mehr, dafür hat er sich die Küchenschürze mit den rosa Blümchen umgebunden. Als er uns sieht, wirft er ein großes Stück Butter in die Pfanne.

„Habt ihr einen guten Fang gemacht?“, fragt er, greift in den Eimer und legt den ersten Fisch in das heiße Fett. Es zischt und brutzelt.

„Ja, uns ist sogar ein besonders großer Dorsch an die Angel gegangen! Aber wir haben ihn noch nicht an Land gezogen“, sage ich und Opa lacht. Stine pikst mir mit der Bratengabel in den Po und ich glaube fast, sie muss auch ein bisschen grinsen.

Gerade als wir den Tisch auf der Terrasse gedeckt haben, fährt eine kräftige Windbö unter den Sonnenschirm. So ist es am Fjord. Plötzlich ist das Wetter da, von einem Augenblick auf den anderen. Dunkle Wolken türmen sich auf und schieben sich wie riesenhafte Fäuste vor die Sonne. Dann prasselt der Regen los. Wir greifen uns Teller und Töpfe und rennen ins Haus. Fritter springt uns zwischen den Beinen herum, er kann sich gar nicht mehr beruhigen.

„Wie gut, dass die Häuser von innen hohl sind“, sagt Opa und reibt sich die rauen Hände, als wir am Küchentisch sitzen. Das sagt er immer, wenn die Welt draußen untergeht. Dann fängt er an, seinen Fisch genüsslich von den Gräten zu lösen und ihn mit Zitrone einzuträufeln. Langsam isst er einen Happen nach dem anderen. Fritter winselt und bellt. Draußen heult der Wind um unser Haus, einmal links und einmal rechts herum, so hört es sich an. Fritter springt immer wieder zwischen der Küche und der Tür hin und her.

„Was ist bloß mit dem Hund los!“, sagt Opa. „Ich glaube, er will raus“, überlege ich.

„Bei dem Hundewetter? Na, der wird auch immer verrückter.“ Opa stippt die letzte Pellkartoffel in die Butterdose.

„Hast du sie richtig gut festgemacht?“, fragt Stine plötzlich und starrt mich an. Ihre Stirn kräuselt sich wie das Meer.

„Ich denke schon ...“, antworte ich und überlege, ob ich wirklich zwei Knoten geschlagen habe.

„So etwas muss man wissen!“ Aus Stines Augen schießen zwei Blitze. „Ich gehe nochmal raus und guck nach“, sagt sie dann und ist schon aus dem Zimmer. Fritter jault, als sie ihm die Stubentür vor der Nase zuschlägt. Ich höre, wie sie im Flur die Öljacke vom Haken nimmt und in die Gummistiefel steigt.

„Warte, ich komme mit!“, rufe ich und schmeiße das Besteck klappernd in den Teller. Fritter rennt mir sofort nach.

„Seid ihr denn alle des Wahnsinns fette Beute!“, höre ich Opa noch, als ich mir schon die Gummistiefel anziehe und die Regenjacke überwerfe.

Der Sturm reißt mir die Tür aus der Hand. Fritter und ich laufen über den nassen Rasen, wir müssen uns ordentlich gegen den Wind lehnen, um voranzukommen. Die Treppe runter zum Steg ist glitschig vom Regen. Stine läuft schon über die Planken, und mir bleibt das Herz stehen: Molly hat sich tatsächlich auf meiner Seite losgerissen! Sie hängt ganz schief in den Wellen, die weiß und wild um sie herumpeitschen.

Als Fritter und ich bei Molly ankommen, hat Stine es irgendwie geschafft, die losgerissene Leine mit dem Bootshaken von Oles Ruderboot aus dem Wasser zu fischen. Gemeinsam ziehen wir an dem nassen Tau, während Fritter am Ende des Stegs steht und in den Sturm bellt. Molly zerrt an der Leine wie ein wildgewordenes Pferd. Man könnte glauben, sie will unbedingt hinaus aufs Meer. Endlich schaffen wir es, Molly heranzuziehen, und diesmal schlägt Stine die beiden Knoten.

„Man darf bei sowas nicht schludern“, sagt sie nur und ich fühle mich entsetzlich dumm. „Los, Fritter, wir gehen wieder rein!“, ruft sie und dreht sich dem Ufer zu. Aber Fritter bleibt, wo er ist, und bellt und bellt.

„Was hast du denn bloß?“, frage ich und knie mich zu ihm auf die nassen Planken. Dann sehe ich es plötzlich: Ein kleiner gelber Punkt, der weit hinter den Bojen auf dem Fjord schaukelt.

„Stine, der Dorsch!“, entfährt es mir und jetzt sieht Stine es auch.

„Oh my God“, sagt Stine. „So dumm kann man doch gar nicht sein.“ Und jetzt bin ich fast ein bisschen froh, dass sie diesmal nicht mich meint.

Stine macht sich schon wieder an den Leinen zu schaffen, aber sie löst die Knoten! Und jetzt begreife ich es auch: Wir müssen den Dorsch an Land holen.

Stine springt an Bord, während die letzte Leine nur noch lose über dem Pfosten liegt, und ohne lange zu überlegen, springen Fritter und ich hinterher. Ich hole die Schwimmwesten aus der Backskiste, ziehe die Pfänder ein und verstaue sie. Der Motor ruckelt, aber man hört ihn kaum, weil Wind und Wasser um uns toben. Mollys Bug nimmt Kurs auf den gelben Punkt. Wir stampfen durch die Wellen, dass die Gischt nur so um uns herumspritzt, und allmählich dämmert mir, dass wir hier etwas wirklich Gefährliches tun. Aber Stine schaut unbeirrt auf den Fjord hinaus und hat die Pinne fest im Griff. Da ziehe ich Fritter an mich heran und vergrabe meine Nase in seinem müffelnden Fell.

Der gelbe Fleck wird immer größer, und nachdem wir die erste Boje passiert haben, sieht man, dass es ein Schlauchboot ist. Molly kämpft sich immer weiter heran und jetzt, wo wir auch den Schutz der Landzunge verlassen, wird der Sturm noch stärker. Ich sehe kaum etwas vor lauter Gischt, als der Motor langsamer wird und wir leicht eindrehen. Fritter bellt aufgeregt in meinen Armen.

„He!“, ruft Stine und ich schirme meine Augen ab, sodass ich besser sehen kann. Das Schlauchboot ist leer! Nein, doch nicht, Hannes hat sich ganz klein zusammengekauert und die Arme über den Kopf gelegt. Er trägt nur ein dünnes, völlig durchnässtes T-Shirt und eine Schwimmweste. Erst als Mollys Bug das Gummi rammt, schaut er auf.

„Halt die Pinne gerade!“, ruft Stine mir zu und ich krieche vorsichtig nach hinten zum Motor und fasse nach dem Stab. Stine richtet sich auf und streckt Hannes die Hand entgegen. Wir schaukeln auf und ab und ich versuche, so gut ich kann, mit der Pinne gegenzuhalten. Hannes greift Stines Hand, und mit einem kräftigen Ruck zieht sie ihn rüber auf Mollys Deck. Seine langen Beine in den Shorts sind so wackelig, dass er sich sofort hinsetzen muss. Sogar seine Ohrläppchen sind ihm jetzt völlig egal.

Als Stine den Motor wieder aufdreht, ruft er noch: „Wait! My boat!“

Aber Stine zischt nur: „Scheiß auf das Boot“, greift nach der Pinne und dreht ab Richtung Land.

Der Rückweg ist etwas leichter, der Wind peitscht uns nun in den Rücken und nicht mehr ins Gesicht. Aber kalt ist es trotzdem, und ich frage mich, wie sehr Hannes in seinen kurzen, nassen Sachen wohl friert.

An unserem Bootssteg wartet Opa schon auf uns. Ich glaube, er weiß nicht, ob er vor Erleichterung jubeln oder schimpfen soll. Er hilft uns allen von Bord und vertäut zusammen mit Stine unsere Molly. Sie binden sogar drei Knoten auf jeder Seite.

Mit eingezogenen Köpfen kämpfen wir uns durch den Wind zurück an Land und die Stufen hinauf. Als wir ins Haus hineinkommen und die nassen Regensachen ausziehen, schlägt uns eine mollige Wärme entgegen. Opa hat schon ein Feuer im Ofen gemacht. Hannes muss sich ausziehen und in unsere braune Wolldecke wickeln. Opa macht uns allen schwarzen Tee mit viel Zucker. Als Hannes ein paar Schlucke genommen hat, kommt unter seiner blassen Haut allmählich wieder die Sommerbräune durch.

„That was a pretty tough trip“, sagt er. Dann fügt er auf Dänisch hinzu: „Tusind tak“, und lächelt Stine an. Stine stößt nur die Luft durch die Zähne und zuckt mit den Schultern, ohne ihn richtig anzusehen. Im Ofenschein ist ihr Gesicht ganz rot. Opa und ich werfen uns aus den Augenwinkeln Blicke zu und wissen beide, dass Stine ihren Fisch noch zappeln lässt.

von Christiane Laura Schultz (36)