04.02.2012
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donnerstag | 02. september 2010 | 20.00 uhr

ingo schulze

liest aus „Orangen und Engel. Italienische Skizzen“
Maike Albath moderiert

„Nirgendwo sonst war es so offensichtlich wie auf Sizilien, dass Geschichte etwas mit Schichten zu tun hat”: Hier blättert sie einer auf, folgt mit dem Schauplatz einer Traditionslinie der Gebildeten wie Goethe und Winckelmann, die sich auf Italienreisen der Kunstreflexion hingaben. Der Dresdner Autor Ingo Schulze verbrachte 2007 samt Familie ein ganzes Jahr als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, Koordinaten, die auch den autobiografisch angelegten Ich-Erzähler prägen. In neun Textminiaturen im Band „Orangen und Engel” (Berlin Verlag) skizziert Schulze die italienische Lebenswirklichkeit, deren Stationen Rom, Neapel, Apulien und Sizilien Vergangenheit und Gegenwart atmen. Das Personal: Touristen, Bettler, Flüchtlinge, Prostituierte. Johann Gottfried Seume wird dabei zur referentiellen Klammer. So nimmt die erste Erzählung „Füße” indirekt den Fußmarsch des sächsischen Autors von Grimma gen Syrakus (1802) in den Blick, Sizilien also, wo sich Schulzes Ich-Erzähler in der Schlussanekdote „Sie haben ihr Ziel erreicht” ebenfalls befindet. Erneut erweist sich mit Seume als literaturhistorischer Folie, die von der Gegenwart und deren Navigationsgerät überlagert wird, Geschichte als Aufeinander von Schichten. Im Purzelbäume schlagenden Oktopus, im dionysischen Fest der Geschlechtlichkeit, in dem drei Frauen Augusto zum Richter der Zügellosigkeit erklären und im remigrierten Gastarbeiter Signor Candy Man, der mit Jetons das Verlassen und Verlassensein in den Süßigkeitsautomaten wirft, variiert Schulze das novellistische Grundprinzip.

An anderer Stelle verweist ein Raum mit Fotografien verstorbener Verwandter auf ins Szenische überhöhte Dokumentationen des Todes - das Aufflackern eines Memento mori als Bindeglied der Geschichten. Schulzes Erzählungen stehen im Dialog mit dem Blick, den der Fotograf Matthias Hoch 2003 auf Italien warf. Fotos und Texte entstanden unabhängig voneinander, korrespondieren jedoch in ihrer schnörkellosen Zufälligkeit, ohne sich gegenseitig bloß abzubilden. Beide stellen den Fokus an scheinbar profanen Stellen schärfer, bleiben insgesamt jedoch vage, verrätselt.

Karten ab 2. August in der Buchhandlung Samtleben und allen bekannten Vorverkaufsstellen

Kulturpartner NDR Kultur

Eintritt: 8,-/6,-/4,-
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Ort: Literaturhaus - Schwanenwik 38 - 22087 Hamburg

 
  • Foto: Avus Berlin Foto: Avus Berlin
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