liest aus „Gewalten. Ein Tagebuch“
Wend Kässens moderiert
„Wie vieles andere auch, ist Schreiben eine recht unschöne Sache.”
Wenn sich der Schriftsteller Clemens Meyer zum Tagebuchschreiben niedersetzt, kann man sich schon denken, dass das Ergebnis kein Spaziergang durch die kleine heile Buchstabenwelt wird. „Gewalten” (S. Fischer Verlag) heißt der Text dann auch, der einen tief in die Lebens- und Schreibwirklichkeit des preisgekrönten Autors katapultiert. Dieser Clemens Meyer scheint stets ein wenig am Abgrund zu tanzen, er flirtet mit dem Absturz, wenn er im ersten Eintrag davon berichtet, am Silvestertag 2008 festgeschnallt in der Psychiatrie zu erwachen: „Ich verstehe langsam, wo ich bin und warum ich bin, wo ich bin. Ich kann es noch nicht richtig greifen, eine dünne Eisschicht darüber in meinem Kopf, aber viele kleine und mittelgroße Fische stoßen schon von unten dagegen, ich kann sie sehen als Schemen und Schatten, wenn ich die Augen schließe ...”
Viel wurde davon geschrieben, wie authentisch Meyers Texte seien, wie hier endlich mal einer wisse, wovon er erzähle. Das Klischee des schreibenden Underdog jedoch ist längst passé. Hier hat sich eine kraftvolle literarische Stimme etabliert, die mit Poesie und Härte von Weltgelehrtheit ebenso kündet wie von der Fragilität des Daseins und dass jeder neue Tag gelebt werden muss – irgendwie. Wir erfahren von wundersamen Orten, von der kleinen Bar auf dem Leipziger Hauptbahnhof, wo sich die Toten treffen, vom Nachtclub in Wolmirstedt, wo die Huren gütig sind, vom Rummelplatz in Bielefeld, wo die Wahrsagerinnen einem mitten ins Herz blicken. Wir lesen aber auch davon, wie das Leben die Literatur überrollt und wie ein Autor damit klar kommt, wenn Meyer mit Entsetzen und Einfühlung vom „Fall M” erzählt. Es ist auch ein Buch der Abschiede, nicht nur, weil es mit dem Tod des Hundes Piet endet, der uns durch Meyers Texte begleitet hat. Wie jedes Tagebuch stellt auch „Gewalten” den Versuch dar, sich die Welt ein stückweit erklärbar zu machen. Umso kostbarer, dass wir daran teilhaben dürfen.
Karten ab 20. Februar in der Buchhandlung Samtleben und allen bekannten Vorverkaufsstellen
Mit Unterstützung der Guntram und Irene Rinke Stiftung | Kulturpartner NDR Kultur
Eintritt: 8,-/6,-/4,-
ausverkauft
Ort: Literaturhaus - Schwanenwik 38 - 22087 Hamburg