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montag | 27. april 2009 | uhr

perlen vor die säue

Gewinnertext vom 27. April 2009


„Unter dieser Nummer”
von Lena Hach
 

Wir waren uns alle einig, dass die Oma komisch reagiert hat. Sie hat nämlich gar nicht mitfahren wollen. Ich schneid noch eben meine Kartoffeln fertig, hat sie gesagt. Der Papa hat gesagt, na gut, und ist selbst eingestiegen. Aber nicht hinten, nicht beim Opa, das durfte er nicht.

Die Mama und ich, wir sind bei der Oma geblieben und haben zugeguckt, wie sie ihre Kartoffeln in dünne Scheiben geschnitten hat. Man hat den Kartoffelscheibchen nicht ansehen können, dass irgendetwas passiert ist. Zum Beispiel, dass es dem Opa beim Kaffee die Brust so zugeschnürt hat, dass der Papa den Rettungswagen hat rufen müssen.

Die Kartoffelscheibchen hat die Oma in die Schüssel zu den Gurken getan und dann kam die Mayonaise dazu. Vier Esslöffel, die hat die Oma mit ordentlich Schmackes in die Schüssel gehauen und ich wollte die Mayonnaise auch mal so mit ordentlich Schmackes- aber ich durfte nicht, der Schmackes war nämlich der Oma ihre Verarbeitung.

Die Oma hat gerührt und gerührt, damit ihr Spezialsalat daraus wird, den sie schon zum Schulfest gemacht hat, als alle gesagt haben, oh, das ist ja lecker und der Opa seinen Arm um die Oma gelegt hat und gesagt hat, die Oma ist seine Kartoffelkönigin. Jetzt sagt keiner Kartoffelkönigin, schon gar nicht der Opa, weil der auf dem Weg in den Elisabethenstift ist, der gar kein richtiger Stift ist.

Den Spezialsalat hat die Oma in eine Tupperdose geschaufelt und ich habe den Deckel draufmachen dürfen, bis die Dose geseufzt hat. Die Oma hat sich von dem Tupperseufzen anstecken lassen und gefragt, wollen wir und wir wollten.

Aus dem Stift wollte die Oma aber gleich wieder raus. Der Papa hat gefragt, magst du denn  nicht noch mit der Ärztin sprechen, aber die Oma hat mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, sie kennt ihren Mann besser als wir alle zusammen und weiß, wie es um den steht. Und außerdem will sie jetzt zu Mediamarkt.

Also hat die Mama die Oma und mich ins Auto gepackt und ist zu Mediamarkt gefahren. Und ich habe gemault, weil Mediamarkt ist ein langweiliger Laden, in dem alles blaugrau und technisch ist. Die Oma hat sich gleich einen Verkäufer geschnappt und sich anständig beraten lassen. Weil sie nämlich ein Handy wollte, wenns recht ist.

Ein Handy mit erdbeerroten Seiten hat mir besonders gut gefallen und der Oma auch, weil es eine eingebaute Taschenlampe hatte, was ungemein praktisch ist, gerade im Dunklen. Die Oma wissen wollen, wie lange hält so eine Handybatterie und der Verkäufer hat gesagt, das ist ein Akku und das kommt darauf an, wie viel man telefoniert und wie gut der Empfang ist. Hat dieses Modell denn einen guten Empfang, hat die Oma gefragt und der Verkäufer hat gesagt, den besten.

Beim Abendbrot habe ich die Oma die Handynummer abfragen müssen. Außerdem hab ich die Mama belauscht, die zum Papa gesagt hat, deine Mutter ist vielleicht eine gefühlskalte Frau, ich kann es gar nicht fassen. Am Morgen hat die Mama wieder was gar nicht fassen können, nämlich, dass der Opa in der Nacht gestorben ist.

Eine Beerdigung ist nichts lustiges, weil man weiß, da vorne drin liegt ein Toter und der kriegt nichts mit und kann sich gar nicht freuen, dass so viele gekommen sind und alle wegen ihm. Zuerst hat eine Orgel was gespielt und dann hat der Pfarrer was gesagt und dann durfte der Papa auch was sagen.
 
Da hat plötzlich das Geräusch angefangen, das aber nicht von der Orgel hat kommen können, weil es nämlich ein richtiges Klingeln war. Ich weiß genau, dass alle gedacht haben, der Papa ist schuld. Ich habe das zuerst auch gedacht, weil das Geräusch kam von Vorne und da war nur der Papa. Aber weil der Papa einfach weiter rumgestanden hat, haben wir gemerkt, dass er nichts damit zu tun hat. Er hat nur seinen Kopf gedreht und und zum Opa geguckt.

Da wurde es unruhig und jemand hat gekichert, was sich nicht gehört, weil bei so einer Beerdigung ist immerhin einer tot und bleibt es auch. Plötzlich hat das Klingeln aufgehört. Der Papa hat sich geräuspert und was vom Opa erzählt, der mit ihm den Köpper beigebracht hat und das habe ich gar nicht gewusst.

Beim Rausgehen hat mir die Oma verraten, dass sie das Handy nur für den Opa gekauft hat und dass es geradezu hochmodern ausgesehen hat, das rote Plastik auf dem weißen Baumwollkissen, direkt neben dem Opa seinem guten Ohr.

Als wir mit der Erde auf die Blumen gezielt haben, habe ich die Oma gefragt, macht es dir denn nichts aus, dass der Opa nicht antworten kann und da hat sie gesagt, dein Opa, mein Schatz, ist schon immer einer von den Stillen gewesen.

Die Oma hat gefragt, weißt du die Nummer noch und ich habe gesagt klar. Da hat sie zufrieden genickt und gesagt, aber nicht den anderen verraten, dann quatschen die uns die ganze Mailbox voll. Das hab ich vorsichtshalber gleich auf Tod geschworen. Dann hat die Oma auch was schwören müssen, nämlich, dass sie mit mir nächste Woche ins Freibad geht. Vielleicht trau ich mich dann den Köpper, dann hätt ich was Gutes zum Erzählen.
 
 
 ***
 
Lena Hach, geboren im Juli 1982, hat nach dem Abitur erst einmal eine Clownschule besucht und dort unter anderem gelernt, wie man sich an einer unsichtbaren Wand entlang tastet. Es folgte ein Anglistik und Germanistik-Studium in Frankfurt/Main und Berlin. Hier hat sie nicht nur begonnen, "der" und "die" vor Eigennamen wegzulassen, sondern auch, für den Tagesspiegel und die taz zu schreiben.

Zwischendurch studierte Lena ein paar Monate am Literaturinstitut in Biel. Einige Texte von ihr gibt es bereits anderswo zu lesen, zum Beispiel in der Literaturzeitschrift "[K]améleon" oder der Anthologie "Einmal Glück und zurück" (Ullstein-Verlag).

Mit dem Schreiben macht Lena nun weiter, vielleicht journalistisch, vielleicht wissenschaftlich. Am liebsten literarisch.

 



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  • Fotos: Stefan Malzkorn, Isabell Köster Fotos: Stefan Malzkorn, Isabell Köster
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