22.05.2013
Literaturhaus Hamburg e.V.
Schwanenwik 38
22087 Hamburg
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geschichte des vereins

Der Literaturhaus e.V. wurde 1985 ins Leben gerufen, um (nach Berlin) das zweite Literaturhaus in Deutschland zu ermöglichen. Die Stiftung eines Mäzens legte die Grundlage für gesicherte Einnahmen des Vereins. 1987 erwarb die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius das Gebäude, stellte gemeinsam mit der Freien und Hansestadt Hamburg zusätzliche Mittel für die Renovierung der denkmalgeschützten Stadtvilla an der Außenalster zur Verfügung und übergab das Haus 1989 dem Verein zur mietfreien Nutzung.

Heute zählt der Verein überĀ  600 Mitglieder, die mit ihrem Beitrag die Arbeit der Literaturvermittlung unterstützen. Mit Hilfe von Förderern wie der Kulturbehörde, Stiftungen und Sponsoren kann der Verein seit nun schon mehr als 15 Jahren ein vielseitiges Programm gestalten. Am 11. November 2005 fand ein großes Mitgliederfest statt, dass das 20-jährige Bestehen des Literaturhaus e. V. feierte. In seiner Eröffnungsrede erinnerte der gegenwärtige Leiter des Hauses, Dr. Rainer Moritz, an die Anfänge des Vereins:

20 Jahre Literaturhaus Hamburg e. V.
11. November 2005


Rede von Rainer Moritz
(Leiter des Hauses seit 2005)

Sehr geehrte Frau Senatorin, sehr geehrter Herr Professor Göring, lieber Herr Weber, lieber Herr Samtleben, lieber Herr von Dohnanyi, liebe Mitglieder des Literaturhaus-Verein, liebe Freunde – oder muss man politisch korrekt liebe Freundinnen und Freunde sagen? – des Literaturhauses und liebe Musiker der Band „Cafe Royal Allstars“, die uns bereits zu Beginn mit Ausschnitten aus ihrem Programm begrüßt haben!

Es ist schön und erfreulich, dass Sie so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind. Wir haben Anlass zu feiern heute, und wir haben Anlass, ein wenig zurückzuschauen, in die achtziger Jahre, als sich im November 1985, also vor fast genau zwanzig Jahren, engagierte Hamburger Leseenthusiasten zusammenfanden, um einer hierzulande beliebten Beschäftigung nachzugehen: der Gründung eines Vereins. Der Zweck dieser Zusammenkunft war einfach zu benennen und doch nur mit größter Beharrlichkeit und mit der Hilfe tatkräftiger Unterstützer umzusetzen: Hamburg sollte ein Literaturhaus bekommen, einen Ort, an dem sich Leser, Autoren, Kritiker, Verlagsleute und Neugierige treffen, um ein lebendiges Forum für nationale wie internationale Gegenwartsliteratur zu bilden, um über Trends, über gute und schlechte Bücher und über kulturpolitische und ästhetische Fragestellungen zu diskutieren.

Ein pulsierendes Literaturhaus also sollte es sein, kein musealer Tempel, der allein Vergangenes aufbewahrt, und auch kein Lesekränzchen für beflissene Bergedorfer Naturlyrikerinnen ... wobei ich selbstverständlich nicht ausschließen möchte, dass an der Bille in Bergedorf famose Verse über Blumen und Schmetterlinge entstehen können. Ein Literaturhaus wie gesagt – und wir alle hier wissen, was das man darunter versteht, und dennoch ist es gar nicht so einfach, Nicht-Literaturhausbesuchern klar zu machen, was sich hinter diesem Namen verbirgt. Frauenhaus, Kaufhaus, Freudenhaus, Tollhaus, Rathaus, Autohaus – das sind Komposita, die allen Menschen geläufig sind, Begriffe, unter den man sich leicht etwas vorstellen kann. Ein Literaturhaus hingegen, das scheint bis heute ein mysteriöses Etwas zu sein, das sich definitorischen Klärungen entzieht.

Ja, unerklärlicherweise tut sich selbst die allwissende DUDEN-Redaktion in Mannheim schwer, uns in dieser Frage weiterzuhelfen. Ganz unabhängig von alter oder neuer Rechtschreibung klafft noch im aktuellen DUDEN zwischen Literaturgeschichte und Literaturhinweis eine schmerzliche Lücke. Nahezu alles erklären uns die Mannheimer Wortschatzhüter; wir erhalten Definitionen von Mechatronik und Nacktsamer, von Solvens (ein Schleim lösendes Mittel) und suburbikarisch, von Teleshopping und Eskamotage, doch „Literaturhaus“ kommt nicht vor, obwohl es mittlerweile Einrichtungen dieser Art in Magdeburg, Darmstadt, Nürnberg oder Kiel gibt und obwohl die acht großen deutschsprachigen Literaturhäuser, darunter auch das Hamburger, seit einigen Jahren zu einem aktiven Verbund, www.literaturhaeuser.net, zusammengeschlossen sind.

Sie sehen, meine Damen und Herren, es bleibt immer noch etwas zu tun, um die Popularität dieser Kulturstätte weiter voranzutreiben. Wenn wir spätestens in zehn Jahren zusammenkommen, um „30 Jahre Literaturhaus-Verein“ zu feiern, hat der DUDEN klein beizugeben. In Hamburg selbst muss niemandem, der sich nur ein bisschen fürs Kulturleben interessiert, erklärt werden, was das Literaturhaus ist, und auch Taxifahrern – ein sicheres Indiz für den Bekanntheitsgrad einer Einrichtung – braucht nicht beschrieben zu werden, wo das prachtvolle Hamburger Literaturhaus liegt. In den zwanzig Jahren, auf die wir heute zurückschauen, und insbesondere seit der offiziellen Einweihung 1989 hat sich das Haus am Schwanenwik zu einem literarischen Zentrum entwickelt, das weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt. Kontinuierlich wurde hier ein Programm vorgestellt, das sich nicht vom Mainstream des Buchmarktes vereinnahmen lässt, das offen ist für literarische Entdeckungen, für Texte, die gemeinhin als „schwierig“ gelten, und das immer wieder über den deutschen Tellerrand hinausblickt, wenn es um den Mehrwert geht, den Literatur für uns alle besitzt und der heutzutage, wo es allein um Mehrwertsteuer, Kündigungsschutz oder Ladenöffnungszeiten zu gehen scheint, in den Hintergrund gerückt wird.

Meine Vorgängerinnen Christina Weiss (1989 bis 1992) und Ursula Keller (1992 – Januar 2005) haben das Renommee des Hauses begründet, und meine Mitarbeiterinnen und ich werden alles daransetzen, für Kontinuität zu sorgen und zugleich die Augen für neue Tendenzen offen zu halten. Wenn Sie zum Beispiel einen Blick auf unser Novemberprogramm werfen, sehen Sie, dass die Palette des Gebotenen nicht schlecht bestückt und farbenfroh ist: Das Angebot reicht von Kinder- und Jugendveranstaltungen – ein Segment, das wir ohnehin Schritt für Schritt erweitern –, über Lesungen deutscher Romanciers wie Hans-Ulrich Treichel oder Reinhard Jirgl, die Präsentation aktueller Sachbücher bis hin zu großen Repräsentanten der Weltliteratur wie Cees Nooteboom oder Nuruddin Farah und zum wissenschaftlichen Marcel-Proust-Symposion, das sich vor ein paar Tagen dem Kulinarischen in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ widmete und bei dem, dank der Gastronomie des Hauses, auch ein rätselhafter, für Proust so bedeutsamer „Japanischer Salat“ serviert wurde – eine Komposition, die wohl noch nie auf einer Hamburger Speisekarte stand.

Dass sich die Geschichte dieses Hauses einmal so entwickeln würde, mögen die Initiatoren vor zwanzig Jahren sich erwünscht und erhofft haben – vorherzusehen war es nicht unbedingt. Viele haben damals mitgeholfen, diesen Traum eines Literaturhauses zu verwirklichen, und ich möchte erst gar nicht versuchen, alle Mitwirkenden im Hinter- und im Vordergrund aufzuzählen. Hilfe und Unterstützung war von unterschiedlichsten Seiten erforderlich, etwa durch Gerd Bucerius, der dieses Haus, das 1868 erbaut und bis 1985 als Durchgangsheim für Mädchen – eine Bezeichnung, die Autorinnen, die heute hier gastieren, viel Freude bereitet – genutzt wurde, für die ZEIT-Stiftung erwarb und auf Vordermann brachte, für jene Stiftung, die dem Literaturhaus-Verein wiederum das Haus mietfrei zur Verfügung stellte. Oder durch jenen Mäzen, der stets ungenannt bleiben wollte, und seit den achtziger Jahren den Betrieb des Literaturhauses auf großzügigste Weise finanziell unterstützt hat und diesen Einsatz bis heute fortführt.

Oder durch die Politik etwa, als sich der damalige Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg Klaus von Dohnanyi der Sache annahm und, wie es Senator Ingo von Münch 1989 nannte, in die „Speichen des Verwaltungsrades“ griff und die schwierige bauliche Realisierung des Literaturhauses entscheidend beschleunigte. Und nicht zuletzt möchte ich jene Damen und Herren namentlich nennen, die 1985 zu Gründungsmitgliedern des Vereins wurden. Einige von ihnen sind heute unter uns, worüber ich mich besonders freue. Es waren dies, in alphabetischer Reihenfolge: Klaus BartelsJens Christians (der bis heute als unverzichtbarer Schatzmeister dem amtierenden Vorstand um Matthias Wegner angehört) – Jutta Duhm-HeitzmannVolker Hasenclever Uwe Lucks Horst Quax Hinrich Sautter Sybil SchlepegrellKlaus StephanAlexander UnverzagtWilfried Weber (der zum Vorsitzenden des ersten Vorstands gewählt wurde und sich mit besonderem Engagement viele Jahre für dieses Haus eingesetzt hat) – Reinhard Wittmann (der damals Literaturreferent in der Kulturbehörde war und heute als Leiter des Münchner Literaturhauses mein Kollege ist) und Elsbeth Wolffheim, jene wunderbare, leider früh verstorbene Literaturenthusiastin, die dem Vorstand von 1994 bis 1998 vorsaß.

Meine Damen und Herren, es ist eine Sache, das Programm eines Literaturhauses so zu gestalten, dass möglichst viele Leser Lust bekommen, diesen Festsaal zu betreten und Neues zu entdecken. Nicht minder wichtig ist es, den finanziellen Rahmen eines solchen, zudem unter Denkmalschutz stehenden Hauses so zu sichern, dass an den Programminhalten nicht gespart werden muss, zumal in Zeiten, da die Geldquellen für Kulturförderung nicht geysirartig sprudeln. Von Anfang an war es die Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, die die Renovierung des Hauses mittrug und inzwischen einen Förderbetrag in ihrem Jahresetat vorsieht. Die amtierende Senatorin Frau Professor Karin von Welck hat zu unser Erleichterung immer ihr Interesse an der Literatur und an einem aktiven literarischen Leben in Hamburg signalisiert – eine Haltung, die für das Gedeihen des Literaturhaus lebensnotwendig ist.

Wenn es um die Unterstützung durch die Kulturbehörde geht, will ich nicht versäumen, mich explizit auch beim Literaturreferenten der Stadt zu bedanken, bei Wolfgang Schömel. Seit über einem Jahrzehnt macht er die Literatur – auf seine mitunter unorthodoxe Weise – zu seiner Sache und findet auch verschlungene Wege, zur Realisierung aufwändiger Veranstaltung beizutragen. Dass er selbst ein angesehener, preisgekrönter Autor von Romanen und Erzählungen ist, tut dem Ganzen gut, denn ein Literaturreferent, der die unerforschbaren Windungen der Autorenpsyche kennt, weiß im Zweifelsfall auch unbürokratische Wege zu gehen. Dafür herzlichen Dank!

Die Förderung der Kulturbehörde ist ein Teil unseres Fundament. Die großzügige Unterstützung durch die ZEIT-Stiftung habe ich bereits erwähnt. Wir freuen uns, mit dem Literaturzentrum, der Buchhandlung Samtleben und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels so passende und angenehme Mieter zu haben, und da der Verein vom Wohlergehen des Cafés profitiert, ist mir daran gelegen, dass diese einzigartigen Räumlichkeiten auch zu nicht primär literarischen Zwecken genutzt werden. Denken Sie bitte daran, alle anstehenden Familien- und Nichtfamilienfeiern am besten in diesem Haus abzuhalten.

Und natürlich ist es nicht zuletzt der Verein selbst, sind es die Mitglieder, die mit ihren Beiträgen helfen, das Haus finanziell abzusichern. 13 versprengte Menschen waren es 1985; mittlerweile sind es – nach dem heutigen Wasserstand – genau 637 Vereinsmitglieder, eine Rekordzahl, und es stimmt zuversichtlich, dass wir gerade in den letzten Monaten einen so regen Zulauf an neuen Mitgliedern verzeichnen konnten. Wir brauchen Mitglieder, und wir brauchen Förderer, denen es – selbst wenn die Reichensteuer kommt – mühelos gelingt, das Literaturhaus über den normalen Mitgliedsbeitrag hinaus zu fördern. Zu diesem Zweck haben wir in den letzten Wochen ein neues Modell für Förderer, Einzelpersonen wie Firmen, entwickelt, das wir Ihnen auf einem Informationsblatt in der Lesbar vorne präsentieren wollen. Es gibt jetzt eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, sich für unser Haus einzusetzen, und ich bitte Sie herzlich, sich diese Unterlagen anzusehen und vielleicht über ein erweitertes Engagement nachzudenken. 637 Mitglieder, wie gesagt, haben wir im Moment. Die gefühlte Mitgliederzahl scheint mit deutlich höher zu liegen, und sollte es im Saal überraschender- und unerklärlicherweise noch Menschen geben, die nicht Mitglied des Vereins ist, ist heute der ideale Zeitpunkt gekommen, diesem Missstand abzuhelfen. Am vergangenen Samstag, während unserer Proust-Tagung, trat beispielsweise eine Frau aus Buchholz gegen 1 Uhr 30 nachts dem Verein bei – ohne dass es nötig gewesen wäre, ihr diesen Schritt mit übermäßiger Rotweinzufuhr zu erleichtern. Das sollte Vorbildcharakter haben.

Was wollen wir heute Abend tun, meine Damen und Herren? Wir wollen zwanglos 20 Jahre Literaturhaus e.V. feiern. Wir wollen Musik hören und tanzen, wir wollen uns unterhalten, wir wollen Lose ziehen und grandiose Gewinne mit nach Hause nehmen, und wir wollen essen und trinken – was erheblich dadurch erleichtert wurde, das es dem Ehepaar Zapp vom Literaturhauscafe gelungen ist, ihre langjährigen Lieferanten dafür zu gewinnen, diesen Abend kulinarisch auszurichten – darunter zum Beispiel die Brauerei Schneider, der die Welt – aufgrund meiner bayerischen Verwandtschaft darf ich das sagen – ein vorzügliches Weißbier verdankt.

Zuvor freue ich mich jedoch auf Grußworte, kurze Grußworte, wie mir angekündigt wurde, auf die Kultursenatorin Frau Prof. von Welck, auf Prof. Göring, den Vorsitzenden der ZEIT-Stiftung, auf Wilfried Weber, einen entscheidenden Mann der ersten Stunde, und auf Stephan Samtleben, dessen Buchhandlung so großartig zum literarischen Gesamtflair dieses Hauses beiträgt.

Danach – keine Literaturhausfeier ohne Lesung – wollen wir einen der vielseitigsten Hamburger Autoren zu Wort kommen lassen, Dietmar Bittrich. Er hat Parodien auf Stifter und Eichendorff geschrieben – veröffentlicht unter dem aparten Titel „Die Entjungferung von Braunschweig“ –, er hat sich mörderische Prosa ausgedacht („Der Tod im Rasierspiegel“), er ist der Erfinder des „Gummibärchen-Orakels“, und er schreibt recht komische Texte, die um die Eigenheiten des Kulturbetriebes kreisen. Drei kleine Kostproben werden sich den Grußworten anschließen.

Was dann noch passiert, erzähle ich Ihnen später. Fürs Erste danke ich fürs Kommen und freue mich darauf, mit Ihnen auf die nächsten 20 Jahre anzustoßen zu dürfen.




 
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