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Frankfurter Rundschau, 10. September 2009
20 Jahre Literaturhaus: Das Mädchenheim
Von Frank Keil
Einmal kann sie entkommen. Sie hangelt sich dazu am Regenrohr hinunter, das sich zwar bedenklich biegt und knackt, aber dann doch ihr Gewicht hält. Frau K. ist da 13 Jahre alt, es ist das Jahr 1955. Weit kommt sie nicht: Sie hat ja nur eine Art Nachthemd an und schon nach wenigen Stunden wird sie so von der Polizei aufgegriffen und zurück gebracht in das Haus am Schwanenwik Nummer 38, einer der Prachtstraßen Hamburgs, mit Blick auf die Alster.
Heute residiert genau hier das Hamburger Literaturhaus, das dieser Tage sein 20-jähriges Bestehen feiert und es hat dieses Jubiläum genutzt, um sich einmal grundlegend mit der Geschichte des Gebäudes zu beschäftigen. Beauftragt wurde dafür die Kulturwissenschaftlerin Lena Kovac und diese hat sich nicht nur architektonische Details wie der Spätklassizistischen Fassadengliederung und den Tudor-Bögen gewidmet oder der Geschichte des Stadtteils Uhlenhorst nach dem Großen Hamburger Brand, sondern sie ist auch hinab getaucht in die dunklen Ecken des Hauses: "Kaum jemand weiß, dass es in diesem Haus im Keller einen Karzer gab", so Kovac.
Lange gehört die 1867/68 erbaute Reihenhausvilla einem Bankier, ist Anlaufstelle für Bälle und Salons. Eine "Heilgymnastische Privatanstalt" zieht in das Haus ab 1908 ein. Später kommt ein Ableger der Tanzschule des von Goebbels erst hofierten, dann in Ungnade gefallenen Tanzpädagogen Rudolf von Laban hinzu. Die Tänzerin Lola Rogge übernimmt die Schule ab 1934. Keinen Beleg hat Lena Kovic gefunden, dass das Haus unter den Nazis zwangsarisiert wurde, wie lange gemutmaßt wurde. Doch die Stadt hat gewohnt rüde ihr Vorkaufsrecht genutzt und sich aller Mieter entledigt, als im Schwanewik 38 ab 1938 ein Wohnheim für Mädchen errichtet wird - auch eine "Schutzhaftestelle für Aufgegriffene". Entsprechend dürften dort Mädchen und junge Frauen allen damals üblichen und willfährigen Methoden der Zwangsbewahrung ausgesetzt gewesen sein - dokumentiert ist der Fall eines behinderten Mädchens, das vom Schwanewik aus erst in die Anstalt Langenhorn und bald in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht wird.
Gleich nach dem Krieg wird das Haus "Durchgangsheim für Mädchen". Lena Kovac: "Die Leitung wurde zwar ausgewechselt, aber von der Pädagogik her ging es weiter wie bisher." Davon kann auch Frau K. erzählen: "Als ich im Schwanenwik eingeliefert wurde, hat man mir richtig den Kopf rasiert, dabei war ich so stolz auf meine langen Haare." Ihre Kleidung muss sie abgegeben, nach ihrem Fluchtversuch sitzt sie in einer Einzelzelle, bis sie in das nächste Heim weiterverschoben wird: in das berüchtigte Moorlager Freistatt. Erst Ende der Siebziger, als langsam die Revolte der Studenten und dann der Schüler auch bei den Heimzöglingen anlandet, ändert sich die Konzeption des Hauses: Nun sind es oft mehr als bemühte Sozialpädagogen, die auf die jungen Frauen losgelassen werden und nicht immer in der Lage sind, die unter ihnen herrschenden Gewalttätigkeiten zu kanalisieren oder gar aufzulösen. Erst 1985 wird das Heim geschlossen. Dann kommen die Hamburger Bücherfreunde und erschaffen sich 1989 auch Dank örtlicher Mäzene ihr heute so markantes und repräsentatives Literaturdomizil und die großen Sperrholzplatten, mit denen bis zuletzt den jungen Frau ihr sozialer Rang widergespiegelt wurde, werden heruntergerissen und es treten wie von Wunderhand die bis heute beeindruckenden Wandgemälde und Stuckaturen der altehrwürdigen Gründervilla wieder hervor.
Frau K. hat vor einigen Jahren auf eine erste Anfrage an die Stadt Hamburg hin, Einblick in ihre damalige Jugendamtsakte zu nehmen, nicht einmal eine Antwort erhalten. Mittlerweile ist sie Mitglied im "Verein ehemaliger Heimkinder" und versucht mit dessen Hilfe ihre Ansprüche auf Entschädigung geltend zu machen. Gut möglich also, dass die Initiative des Hamburger Literaturhaus nicht nur interessant für den Bildungsbürger ist, der ja gelegentlich mit Blicken in soziale Abgründe geerdet werden will, sondern dass sie dafür sorgen wird, dass ehemalige Heimbewohnerinnen sich ihrer Geschichte zu erinnern beginnen.
Ein Prozess, der derzeit von heftigen Ambivalenzen begleitet ist: "Manche wollten nichts damit zu tun haben; andere aber hatten ein richtiges Redebedürfnis", berichtet Lena Kovac von ihren Recherchen. Literaturhauschef Rainer Moritz kennt die persönliche Dramatik, die sich besonders mit der Konfrontation mit dem Gebäude verknüpft: "Es kommt immer wieder vor, dass sich Besucherinnen erst einmal unverfänglich nach dem Haus erkundigen; also wissen wollen, was hier heute so los ist. Bis sie sich dann als ehemalige Bewohnerinnen zu erkennen geben, und es ist ihnen jedesmal anzumerken, dass das für sie alles andere als einfach ist." Frau K. sagt: "Ich stand später öfter vor dem Haus, aber ich habe mich bisher nicht wieder hinein getraut." Wenn das nicht auch ein Stoff für Literatur ist.
Veranstaltung zur Geschichte des Hamburger Literaturhauses im Rahmen der Reihe "Tag des offenen Denkmals": Sonntag, 13. September: Ausstellung 10-15 Uhr; Podiumsgespräch ab 20 Uhr Die Dokumentation von Lena Kovac zur Geschichte des Hauses Schwanenwik ist demnächst unter www.literaturhaus-hamburg.de nachzulesen.
Heute residiert genau hier das Hamburger Literaturhaus, das dieser Tage sein 20-jähriges Bestehen feiert und es hat dieses Jubiläum genutzt, um sich einmal grundlegend mit der Geschichte des Gebäudes zu beschäftigen. Beauftragt wurde dafür die Kulturwissenschaftlerin Lena Kovac und diese hat sich nicht nur architektonische Details wie der Spätklassizistischen Fassadengliederung und den Tudor-Bögen gewidmet oder der Geschichte des Stadtteils Uhlenhorst nach dem Großen Hamburger Brand, sondern sie ist auch hinab getaucht in die dunklen Ecken des Hauses: "Kaum jemand weiß, dass es in diesem Haus im Keller einen Karzer gab", so Kovac.
Lange gehört die 1867/68 erbaute Reihenhausvilla einem Bankier, ist Anlaufstelle für Bälle und Salons. Eine "Heilgymnastische Privatanstalt" zieht in das Haus ab 1908 ein. Später kommt ein Ableger der Tanzschule des von Goebbels erst hofierten, dann in Ungnade gefallenen Tanzpädagogen Rudolf von Laban hinzu. Die Tänzerin Lola Rogge übernimmt die Schule ab 1934. Keinen Beleg hat Lena Kovic gefunden, dass das Haus unter den Nazis zwangsarisiert wurde, wie lange gemutmaßt wurde. Doch die Stadt hat gewohnt rüde ihr Vorkaufsrecht genutzt und sich aller Mieter entledigt, als im Schwanewik 38 ab 1938 ein Wohnheim für Mädchen errichtet wird - auch eine "Schutzhaftestelle für Aufgegriffene". Entsprechend dürften dort Mädchen und junge Frauen allen damals üblichen und willfährigen Methoden der Zwangsbewahrung ausgesetzt gewesen sein - dokumentiert ist der Fall eines behinderten Mädchens, das vom Schwanewik aus erst in die Anstalt Langenhorn und bald in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht wird.
Gleich nach dem Krieg wird das Haus "Durchgangsheim für Mädchen". Lena Kovac: "Die Leitung wurde zwar ausgewechselt, aber von der Pädagogik her ging es weiter wie bisher." Davon kann auch Frau K. erzählen: "Als ich im Schwanenwik eingeliefert wurde, hat man mir richtig den Kopf rasiert, dabei war ich so stolz auf meine langen Haare." Ihre Kleidung muss sie abgegeben, nach ihrem Fluchtversuch sitzt sie in einer Einzelzelle, bis sie in das nächste Heim weiterverschoben wird: in das berüchtigte Moorlager Freistatt. Erst Ende der Siebziger, als langsam die Revolte der Studenten und dann der Schüler auch bei den Heimzöglingen anlandet, ändert sich die Konzeption des Hauses: Nun sind es oft mehr als bemühte Sozialpädagogen, die auf die jungen Frauen losgelassen werden und nicht immer in der Lage sind, die unter ihnen herrschenden Gewalttätigkeiten zu kanalisieren oder gar aufzulösen. Erst 1985 wird das Heim geschlossen. Dann kommen die Hamburger Bücherfreunde und erschaffen sich 1989 auch Dank örtlicher Mäzene ihr heute so markantes und repräsentatives Literaturdomizil und die großen Sperrholzplatten, mit denen bis zuletzt den jungen Frau ihr sozialer Rang widergespiegelt wurde, werden heruntergerissen und es treten wie von Wunderhand die bis heute beeindruckenden Wandgemälde und Stuckaturen der altehrwürdigen Gründervilla wieder hervor.
Frau K. hat vor einigen Jahren auf eine erste Anfrage an die Stadt Hamburg hin, Einblick in ihre damalige Jugendamtsakte zu nehmen, nicht einmal eine Antwort erhalten. Mittlerweile ist sie Mitglied im "Verein ehemaliger Heimkinder" und versucht mit dessen Hilfe ihre Ansprüche auf Entschädigung geltend zu machen. Gut möglich also, dass die Initiative des Hamburger Literaturhaus nicht nur interessant für den Bildungsbürger ist, der ja gelegentlich mit Blicken in soziale Abgründe geerdet werden will, sondern dass sie dafür sorgen wird, dass ehemalige Heimbewohnerinnen sich ihrer Geschichte zu erinnern beginnen.
Ein Prozess, der derzeit von heftigen Ambivalenzen begleitet ist: "Manche wollten nichts damit zu tun haben; andere aber hatten ein richtiges Redebedürfnis", berichtet Lena Kovac von ihren Recherchen. Literaturhauschef Rainer Moritz kennt die persönliche Dramatik, die sich besonders mit der Konfrontation mit dem Gebäude verknüpft: "Es kommt immer wieder vor, dass sich Besucherinnen erst einmal unverfänglich nach dem Haus erkundigen; also wissen wollen, was hier heute so los ist. Bis sie sich dann als ehemalige Bewohnerinnen zu erkennen geben, und es ist ihnen jedesmal anzumerken, dass das für sie alles andere als einfach ist." Frau K. sagt: "Ich stand später öfter vor dem Haus, aber ich habe mich bisher nicht wieder hinein getraut." Wenn das nicht auch ein Stoff für Literatur ist.
Veranstaltung zur Geschichte des Hamburger Literaturhauses im Rahmen der Reihe "Tag des offenen Denkmals": Sonntag, 13. September: Ausstellung 10-15 Uhr; Podiumsgespräch ab 20 Uhr Die Dokumentation von Lena Kovac zur Geschichte des Hauses Schwanenwik ist demnächst unter www.literaturhaus-hamburg.de nachzulesen.

