04.02.2012
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mara-cassens-preis an max scharnigg

Foto: Christina Maria Oswald
Foto: Christina Maria Oswald
LAUDATIO AUF MAX SCHARNIGG
von Hubert Winkels

Sehr gehrte Frau Kultursenatorin Barbara Kisseler
sehr geehrte Mara Cassens,
lieber Max Scharnigg,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wenn man aus dem Flachland kommt, aus einem Landstrich, der das Plane, die Ebene schon im Namen trägt, wenn man also vom Niederrhein kommt, von der niederrheinischen Tiefebene, um geografisch genau zu sein, dann tut man sich schwer mit Phantasien, die um große Höhen, um schneebedeckte Berge, um Gletscher, Überhänge und Grate kreisen. Man tut sich schwer, weil einem das sowieso alles Hekuba ist, und ein Viertrausender so imposant wie die hundertzwanzig Meter des LVA-Hochhauses in Düsseldorf, woher der Vortragende stammt - vor zwanzig Jahren nicht unstolz, als Rainer Werner Fassbinder sich eben dieses vertikalen Highlights bediente, um seinen Film „Welt am Draht“ dort zu drehen.

Oder der Flachlandbewohner versucht sich einzufühlen in die Berg- und Talwelt, ins Zerklüftete, Zersprungene, hoch Aufragende, das immer allen Männermut zu fordern scheint, um on the Top genossen zu werden. ,On the Top’, genauer ,The Top of Europe’, so heißt die Bergstation auf dem Gipfel der Jungfrau, gleich neben Eiger und Mönch, beide überragend, auf Augenhöhe mit dem Montblanc, den man bei gutem Wetter sehen kann, von dieser Spitze des Berner Oberlandes aus, wo ich mich an eine Neujahrsmorgen in kalter Luft mit Blick auf den Aletsch-Gletscher in dünner Luft wiederfand. Und es war schönes Wetter, und man hatte bei der Auffahrt mit der alten ingenieurgenialen Bergbahn den Blick auf den Eiger und dachte: Ja, das müssen Zeiten und Männer und Willenspakete gewesen sein, damals; als der Eiger ein Berg auf Leben und Tod war.

Dieses Damals spielt keine kleine Rolle in Max Scharniggs erstem Roman „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“. Deshalb haben wir alle die Namen wieder im Kopf, die Namen der Montanheroen, bereit zur Märtyrerschaft für die Selbst- und Bergüberwindung: Anderl Heckmair, Ludwig Wiggerl, Vörg, Heinrich Harrer und Fritz Kasparek nämlich. Und wir kennen das Jahr, in dem die Erstbesteigung gelang: 1938.

Tatsächlich erzählt Max Scharnigg, der Journalist mit dem Faible für musikalische Independents und sprachlich Abhängigem, nämlich kommune Redewendungen, die Geschichte dieses Aufstiegs. So isoliert und apodiktisch ist diese Aussage allerdings eher falsch. Doch was und wovon erzählt der Roman denn dann? Schon diese erste scheinbar so einfache Frage, mit der man jede Romandarstellung beginnen können müsste, ist nicht leicht zu beantworten.

Wir werden uns langsam annähern. Ungefähr so langsam wie sich unser Heldenquartett dem Eigergipfel annähert. Oder ungefähr so langsam, wie sich der Ich-Erzähler seiner eigenen Wohnung und mit ihr und in ihr seiner Geliebten M. annähert. Oder ungefähr so langsam, wie er währenddessen, d.h. während seines Aufstiegs zur verehrten Frau den Text über die Eiger-Besteigung in seinem Kopf zu schreiben versucht. Ungefähr so langsam, wie die Denk- und Rede- und körperlichen Bewegungen sind, mit denen der Ich-Erzähler, nennen wir ihn der Einfachheit halber Nicol Nanz, mit dem ehemaligen Gletscherfotografen Herrn Schmuskatz verkehrt. In dessen Wohnung und im Treppenhaus beginnt denn auch später der Aufstieg: zur Frau, zum Eiger, zum Text über den Aufstieg, zum Buch über all dieses Auf und Ab, das mit zusammengekniffenen Augen eher wie eine Achterbahnfahrt auf LSD als wie das Leben aussieht. Aber das täuscht.  

So konzentriert dargestellt tritt die poetologische Selbstreflexion stark hervor, und eine postmoderne Manier der Verschränkung von Texten ineinander. Tatsächlich sind das starke Linien im Text, doch keine schweren. Ich darf schon einmal vorab versichern, dass diese Text-im-Text-Bewegung nicht eine Minute zur Last wird beim Lesen, ja keine Sekunde, denn was Max Scharnigg macht, was sein Text macht, das ist eben die Überwindung der Sekunde der Trennung in eleganter Vorwärtsbewegung. Etwas klassischer ausgedrückt: aus der Kontemplation heraus eine poetische vita activa als Integration beider entwickeln.

Einen Moment bitte! Gestatten Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass ich mit dieser Bewegung beginne, und nicht mit dem dickeren Enden, die von ihr verbunden werden, gemeinhin Handlung, Narrativ, Inhalt genannt. Der die das kommen schon von alleine hinterher, wenn man die Bewegung hat, die sie trägt, ja eigentlich erst macht.

Der poetische Prosatext von Max Scharnigg möchte das Scharnier, die Verbindung zwischen zwei Textebenen, zwei Daseinsbereichen, zwei zeit-räumlichen Dimensionen so unauffällig gestalten, dass wir Leser, in der einen angekommen, nicht mehr wissen, wann die andere aufgehört hat; sagen wir beim Aufstieg zur schönen Freundin M. nicht mehr wissen, ob wir am Treppengelände im ersten Stock oder am Sicherungsseil in der Gletscherrinne auf dem Eiger sind. Wann endet das Eine, beginnt das Andere? ist die Frage. Es ist, kunstgeschichtlich gesehen, die Frage nach dem Surrealismus. Wie das Eigne und das Fremde verschmelzen, so dass wir über die Bizarrerie staunen, ohne dass wir den Punkt angeben könnten, an dem die Verwandlung beginnt. Mit den Metamorphosen hat Ovid dafür Vorbild und Begriff geliefert. Das Eigene geht ins Fremde über und siehe, es wird schön und schöner und ein symbolisches Gefallen für die Nachwelt.

Um diesen Punkt geht es in Scharniggs Roman, den Punkt, an dem die Ebene endet und der Berg beginnt, an dem sich der Berg vom Tal scheidet, an dem sich beide unterscheiden, es geht um den topographischen Dollpunkt sozusagen. Scharnigg nennt den Punkt auch ,gebeugten Millimeter’, oder immer wieder ,Krümmpunkt’. Das klingt so physikalisch-sachlich. Ja, es gibt so viele entscheidende Punkte: Startpunkte und Dollpunkte, Kernpunkte und Sternpunkte, points of no return und crucial points, points de capiton heißt es bei Lacan, und ronds points im Straßenverkehr. Doch was unser Punktsucher unter der Treppe schließlich findet, das ist der Ausgangspunkt für alles: nämlich die Bereitschaft und den Akt, anzufangen und loszugehen. Erst wenn man das Eigene zum Fremden hin in Bewegung setzt, wird man erkennen, dass man den Krümmpunkt hin der Bewegung selber hat. Und erst als der Erzähler losgehend dies begreift, kommt die Geschichte in Schwung, d.h. der Erzähler steigt zur und verpasst seine Geliebte mit herrlich schmerzlichem Lärm und Aplomb.

Wir kommen vom Niederrhein, wir sagten es zu Beginn. Und was wir mit dem Erzähler gemeinsam haben, ist die Erfahrung von Bergen in Höhen von rund dreißig Metern. ,Schlittenberg’ heißt der Hügel vom kleinen Nikol Nanz im Roman. Im niederrheinischen Leserleben heißt der Berg Gohrerberg. Und an den fünf Schneetagen im Jahr rutschte man auch dort mit dem Schlitten hinunter. Ganz am Ende bekam man endlich etwas Schwung, doch am Ende war da auch als sommerliche Feldbegrenzung ein Stacheldraht gespannt.

Mein Problem waren indes eher die dünnen Gummistiefel, die ich winters im Schnee trug. Um deren Kälteleitfähigkeit zu mildern, tat meine Mutter das falschest Mögliche: Sie stopfte den Fußinnenraum der Stiefel rund um meine Füße mit Wollsocken aus. So dass die Zehen steif gequetscht wurden und ich schon mittags nach zwei Stunden reduzierte Blutzufuhr halberfrorene Füße hatte und vor Schmerzen immer Tränen in den Augen. Winter und Berge Kufen und all das tolle erhebende Zeug, das war mir immer so gut wie abgestorbene Füße.

Es dauerte lange, meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr lange dauerte es, bis ich dieses Fußerfrierungstrauma überwinden konnte. Und es gehörte eine mittelschwere intellektuelle Motivation dazu. Meine akademischen Lehrer in Literatur und Philosophie, Jochen Hörisch und Manfred Frank nämlich, waren Skifahrer. Bescheidene Kerle beide, den Buchstaben hingegeben, doch auf Wengen im Berner Oberland, darauf wollten sie doch Winter für Winter nicht verzichten. Der Grund war einfach und einsichtig: Schon Theodor W. Adorno war dort Ski gefahren, mit Siegfried Kracauer gelegentlich und andern Helden der Frankfurter Schule. Eiger, Jungfrau, Mönch, sage ich nur, das war das Schibboleth, das Geheimwort für eine Erkenntnis, die mit Büchern allein, mit eifrigem Studieren nicht zu haben war; man musste in die Berge und in den Schnee hinaus. Erst recht, und das gab den Ausschlag, als ich gewahr wurde, das auch schon Thomas Mann, samt Sohn und Tochter dort zum Skilaufen gewesen war. Eine wahre Genealogie des winterhellen Geistes. So gewaltig die Tradition, so gewaltig die Berge, so gewaltig der Anspruch – es konnte, Stand Studium 1985, nur einen Ausdruck dafür geben: das Erhabene. Eben das, was nicht benennbar, nicht darstellbar war mit konventionellen Mitteln, aber überwältigend in seiner in den Schrecken hineinragenden Schönheit. Ja, zum Erhaben wollte ich. Auch ich wollte sagen können: Auch ich war im Erhabenen. Et in sublimum ego sozusagen. Sein Tarnname laut Prospekt: Ski-Club Mediteranée Wengen. Dreitausendmeter hoch, mit Blick auf die drei Viertausender Eiger Jungfrau Mönch. So kam ich unter die Riesen. Und Scharnigg lesend später dann zurück über die Eigerbesteigung in die Niederungen des literarischen Textes, die allerdings im Handumdrehen sich zu Textgebirgen aufwerfen können, was sie auch tun.

Für Nicol Nanz jedenfalls, den jungen Redakteur, der eines Abends nach hause kommt, das eigene Haus betritt, zur eigenen Wohnung hochsteigt in den zweiten Stock, wo seine leicht kränkelnde schöne Freundin M. mit ihm lebt und er zurückschreckt. Denn vor der Wohnungstür steht ein Paar fremde Schuhe, blassgrün mit gelbem Innenfutter. Immerhin hat er Grund mitzuteilen „Es waren nicht meine Schuhe“. Er selbst ist also nicht schon vor sich da. Einige Geräusche und Schattenbewegungen durch die Milchglasscheibe überzeugen ihn von der Anwesenheit eines anderen in der Wohnung, die niemals einen anderen vertragen hat. Ja, das Leben seiner Freundin M. ist geradezu durch den Ausschluss jedes Dritten aus der gemeinsamen Welt mit Nanz definiert. M. ist zart und blass und schön und durchscheinend, ja scheinhaft ist sie durch und durch, und lieblich und ,lind’, wie es heißt, ein Ausbund an Zartheit, kurz vor dem Verlöschen, ein bisschen Engel, ein bißchen schon tot, am Leben gehalten von der Sorge des Mannes, der sich durch ihr stilles Glänzen beleuchtet, sichtbar fühlt in der Welt. Zwei, die miteinander verschmolzen sind, wofür es so schöne wissenschaftliche Ausdrücke gibt wie Symbiose oder Dyade, welch letzterer darauf abhebt, dass es sich um zwei verschmolzene Positionen handelt, die keine dritte vertragen, die den Dritten geradezu ausschließen.

Der ausgeschlossen Dritte, das ist überhaupt der abstrakte Titel für die Tragik jeder leidenschaftlichen Liebe. Ein Sehnen in Permanenz, eine dichte Kette von Augenblicken, die allesamt Ewigkeit wollen. Und nun tauchen die Schatten und abgelegten Accessoires eines anderen auf, und sofort wird der ehemals Zweite zum ausgeschlossen Dritten. Und der tut etwas geradezu Geniales. Er verabschiedet sich in den Hohlraum, in die Leere, die die Nichterkenntnis dieses Zusammenhangs erzeugt. Räumlich, architektonisch ist das der blinde Fleck im Treppenhaus, eben jener genannte unter der Treppe.

Wenn die Treppe die Folge von Bedeutungsschritten markiert, die den Sinn erzeugen, dann ist ihre Unterseite eben jene Leere, die allem Sinn zugrundeliegt. Sich darin einnisten, heißt dann auch: aus der Raum- und Zeit und Zeichenordnung fallen. Und damit entspricht diese Position negativ der des Erhabenen, das ebenso ungreifbar, leer, dem symbolischen Trachten der Menschen nicht zugänglich ist.

Max Scharnigg weiß das, Sie müssen mir das nicht glauben, meine sehr geehrten Damen und Herren, sein Text zeigt es uns. Beginnen wir mit den Zeichen, mit den Buchstaben, den Lettern, den gewöhnlichen, die die Welt bedeuten. In Form eben der Zeitung, bei der Nikol Nanz arbeitet, wird sie täglich im Hausflur in den Briefkasten geschoben. Da dessen Schlitz zu eng ist, wird die Titelseite gequetscht und aus der Titelzeile entsprechend wird Quatsch. Sie wird gleichsam anamorphotisch verzerrt.
 
Oder der Ort: Es gibt Nicht-Orte, vom französischen Philosophen Marc Augé so benannt, die nur anonyme Stätten des Durchgangs sind, in denen Herkünfte und Wurzeln nichts bedeuten, wo alles flüchtiges Nicht-Begegnen ist. Und es gibt Nicht-Räume, die man ab jetzt auch Scharnigg-Räume nennen könnte, die Hohlräume zu normalen funktionalen Räumen bilden. Zum Beispiel die Rück-, respektive Unterseite einer Treppe. Im dort herrschenden Dämmer verkehrt sich der Funktionalismus des Alltags in eine bizarre herlisförmige Formation. Es gibt eine bekannte englische Künstlerin, die solche Leerräume nicht bloß identifiziert, sondern die sie herstellt. Sie nennt sie Voids, also Leeren - mit Doppel-E. Die Künstlerin ist Rachel Whiteread, und ihre Arbeit ist es, Räume, auch große, bis hin zu ganzen Häusern, mit Kunstharz auszugießen, und anschließend die weiße Wachsform zu zeigen, das räumliche Negativ also zum gewöhnlichen Anwesenden. Es ist ein anwesend Abwesendes, was so entsteht. Rachel Whitereads bekannteste Arbeit in Kontinentaleuropa ist das Denkmal für die ermordeten Juden in Wien, das eine ausgewachste Bibliothek als großen weißen Kubus vorstellt.

In einem solchen Void also lebt Nicol Nanz nach Entdeckung des Dritten, der Symbole des Dritten, des Dritten als Symbol. Und in der Zeit verwirrt er sich und uns so komplett, dass wir am Ende nicht wissen, ob er für Wochen dort im toten Krümmungspunkt der Spirale gehaust hat oder sich dort nur kurz tagträumend umgesehen?

Doch was hat er dort gesehen? Ich will nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, den eher kurzen, durch und durch gut gearbeiteten, sprachlich so genauen Text nicht auf Teufel komm heraus logifizieren; aber noch viel weniger möchte ich es bei der Feststellung belassen, dass hier eine freie ins Surreale ausschweifende Phantasie elegant so manch einander Fremdes zum Bizarren, Abstrusen und befremdlich Anekdotischem verbunden habe. Das stimmt zwar, und das allein ist viel, wenn es so schöne Einfälle hervorbringt, wie jene um die Mittagszeit durch die Hintertür ins Treppenhaus einfallenden wilden Hunde, die sich dort im Halbschatten für einen Moment anlehnen. Hunde, die sich an eine Wand anlehnen und sich ausruhen! Was für ein herrliches Bild. Alles Leben heißt das, ist auch Mühsal, und alles Leben verdient Schonung und soll sich ausruhen dürfen.

Oder der ausgestopfte Reiher in der Wohnung von Schmuskatz, staubig, beweglich gleichwohl slapstickhaft in diverse Beinahe-Tänzchen verwickelt. Der ramponierte Reiher mit den künstlichen Augen, der am Ende vom Lied bei M. steht, dem Engel ohne Flügel, der Frau in den Höhen, Ophelia in der Wolkenetage des Mietshauses. Nicht dem Mann mehr, nur der Minne und der Aventiure zugeordnet, durchscheinender Grund für das, was Abenteuerroman am phantastischen Roman ist.

Und so weiter. Doch jede ästhetisch gelingende Verschmelzung hat doppelte und dreifache Gründe, und je leichter so ein leichter Text wirkt, umso schwerer sind die guten Gründe, umso schwerer sind sie sichtbar zu machen. Das muss auch nicht geschehen, nicht immer und über all, aber doch hier und da, so dass man das Geflecht durchscheinen sehen kann, dessen Effekte man im schönen sprachlichen Material genießt.

So gibt es zum Beispiel tatsächliche eine veritablen Dritten im Roman, einen, den man nicht mühsam konstruieren muss, aus einem gespaltenen Ich heraus zum Beispiel, sondern einen, der schon älter ist, eine guten dicken Bauch vor sich herträgt, langes graues Haar trägt, das an den Seiten herunterfällt, der freundlich ist, fremd und der dem Darbenden unter der Treppe eine Erscheinung ist. Um den Namen des einen Gottes nicht unnütz im Munde zu führen, der inklusive Bruce Allmighty in unserer Kultur letztlich alle dritten Stellen besetzen muss, schlage ich einen der vielen herzhaften griechischen vor, einen halben zumindest, leicht schmuddeligen, einen lustvoll greisen göttlichen Trampel, einen Silen, eine Begleiter des Dionysos. Wenn es Letzter mit Tigern und Panthern und Wein und tausend nackten Frauen hat, so ist unser Silen eher auf Hühnchen fixiert und auf Danziger Goldwasser, seine Ordnung der Welt und des Wissens ist idiosynkratisch. Er sammelt Bücher alphabetisch nach den in ihnen gedruckten Widmungen, und er war Gletscherfotograf, der Kunst also und dem Naturschönen assoziiert, dem schrumpfenden Gewaltigen, dem schrumpfenden Erhabenen.

Dieser Schmuskatz kommt, kaum dass er im Bild ist, mit einem Paprikahendl daher. Wahrscheinlich hat sich Max Scharnigg in das Wort Paprikahendl verguckt. Und es so oft vor sich her gesagt, wahrscheinlich im Zustand des Hungrigseins, dass sich das Rotglühende daran durch alle Bedeutungsschichten durchgetropft hat. So jedenfalls war es mir ergangen, als ich einen Auszug aus dem Roman „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ erstmals las. Kurz vor dem Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Wettbewerb nämlich, wohin ich Max Scharnigg im Sommer 2010 eingeladen hatte; und erst recht dann bei der Lesung vor Saal- und Fernsehpublikum selbst.

„Das Paprikahendl warf mich um. Ein ungeheures Wort, wie eine neue Sonne, die über meinen Wortbergen aufging, von dort zwischen die Sätze aus Granit und Gletschereis strahlte, sich durch die Ausdrücke wühlte, mit denen Bergsteiger ihre Arbeit benennen. Zwischen Klemmen, Schlosserei und Haken gab das Paprikahendl seine rote Wärme. Es schmolz sich geradezu durch meine Arbeit der letzten Tage hindurch. Ich tropfte.“

Nun ist das Paprikahendl an und für sich ein die Sinne stimulierender holpriger österreichisch-ungarischer Mehrsilber. Im zitierten Satz bezieht er sich zugleich auf die Situation von Nanz im Treppenhaus, auf die Eigerbesteigung und auf den Text darüber, den Nanz im Kopf verfertigt. Das heißt, er ist, auf die Romandimension hin betrachtet, tendenziell universell. Das Hendl als Sonne eben. Doch wo, könnte man etwas pedantisch fragen, ist der Hendl-Bezug zur schönen M., dort oben in ihrer Kemenate allein zu zweit zu dritt? Die Antwort auf diese ungestellte Frage gibt der Roman ganz leichthändig nebenbei: War Schmuskatz doch in seinen jungen Wiener Jahren unsterblich in die erste Miss Universum des Universums verliebt gewesen, in Lisa Goldarbeiter aus der Freilagergasse. Schmuskatz war sechs, und der Vater der Angebeteten war Wirt oder Koch und hatte es mit Paprikahendln, so sehr, dass das Lied vom ,Paprikahendl vom Papa’ die Runde machte – und Schmuskatz auch eins wollte und nie eins bekam, so ein Hendl. Mit dem Ergebnis, dass er nichts anderes mehr aß sein Leben lang. Und seine Wohnung, nur sichtbar für unseren liebeskranken Freund Nanz eine reine Paprikahöhle geworden war, rot schimmernd, klebrig und womöglich scharf riechend. Natürlich ist das Parikahendl das verschobene Objekt der Begierde von Schmuskatz. Und in dieser Funktion spiegelt es die verschiebende Funktion des Begehrens von Nicol Nanz diesem auf die schmackhafteste Weise vor. Schmuskatz fungiert also als ein paprikaverklebtes Komplementärphänomen. Beide in schwerer Verrückung begriffen. Das Liebesobjekt entrückt, beide Akteure nicht unwitzig verrückt.

Und aus dieser Zweisamkeit der männlich depravierten Art brechen die beiden nun auf mit Sturzhelm, Haken und Seil, um in die zweite Etage des Mietshauses vorzudringen, nicht ohne sich, Lisa Goldarbeiter im Sinn, mit Danziger Goldwasser zuzutrinken. Damit wiederum liegt ihre Standfestigkeit noch unterhalb der von unserem Eigererstbesteigungsvierertrupp, dessen Geschichte mit jener versetzt erzählt wird. Und auf geht es! Nichts bliebt ungebunden beim Tanz - Nanz zum Beispiel mit dem Seil am Pullover von Schmuskatz…

Und Stunden später steht der Text über den Eigeraufstieg (im Kopf, im Rechner, auf Papier), Nanz in der eigenen Wohnung und alles wieder an seinem Platz. War es nur ein Traum? Die poetische Verarbeitung eines Traumas? Es war, wenn wir denn schon resümieren müssen, die Anatomie einer Phantasie, verkleidet in eine weitere. Eine poetische Untersuchung über das Entstehen von Literatur. Max Scharnigg hat dieses Spiel der Verschiebung und Verdichtung so grandios arrangiert, die Übergänge so fein gefeilt, so schön die Klänge als Sinnträger, die Sinnsphäre als autonome Erzählräume und das Zusammengehen in einer melancholischen Bewegung eingefangen, dass man, an seinem Ende angekommen, beglückt das Buch niederlegt. Beglückt nicht nur über ein so gelungenes Stück Prosa, sondern von dem indirekten Hinweis darin, dass das Leben ein solch leichthändiges Ineinandergleiten des Schönen und des Schmerzhaften, der Eigenen und des Fremden, des Nahen und des Fernen sein könnte, wenn wir nur dem Schönen etwas mehr trauen und zutrauen würden, dem Schönen, das verbindet kreuz und quer, und nicht jenem Vernünftigen, das sagt, die Eigernordwand ist das eine, die Treppe zur Frau in den Höhen das andere. Das sind sie nicht, getrennt. Das waren sie nie. Daran sind wir erinnert worden.

Von Max Scharnigg. Vielen Dank dafür und herzlichen Glückwunsch zum Mara-Cassens-Preis!

5. Januar 2012, © Hubert Winkels



 
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