Gewinnertext vom 28. Oktober 2009
Eine Quizfrage vorneweg:
Von wem ist das Zitat „Das Absicht ist edler als der Tat“?
a) Von Schiller?
b) Von Goethe?
c) Von einem ungarischen Einwanderer?
Viktor Horvath
DAS WÖRTERBUCH
Eine Kurzgeschichte
In Hamburg angekommen, wurde ich im Büro zweier bekannter Hamburger Architekten nahezu liebevoll aufgenommen. Die Arbeit machte Freude, auch wenn sie sich vorerst auf einfachere Aufgaben beschränkte. Obwohl ich kaum ein Wort Deutsch sprach, gelang die Verständigung, wir nannten sie „pantomimisch“. Einmal darauf angesprochen, versicherten meine Chefs sogar, dass wir so gut wie keine Sprachprobleme hätten, o nein, sagten sie, schließlich sei die ungarische Sprache gar nicht so schwer. Man lachte. Es herrschte Konjunktur in Deutschland.
Vielleicht unter dem dezenten Druck dieses Scherzes, begann ich dann doch, mich um die deutsche Sprache intensiver zu bemühen. Den Höhepunkt meiner Bemühungen stellte der Kauf eines Wörterbuches dar.
Das war wie eine Befreiung: Nie wieder wortkarg, nie wieder schweigsam, die Rolle lag mir nämlich nicht. Ich kam, wenn man so will, aus einer Familie, in der viel geredet wurde. Viel geredet, wenig geschrieben. Mir ist noch in Erinnerung, wie meine Mutter sich von mir bei einem Schulausflug tränenreich, zugleich aber auf ihre liebenswürdig-schräge Art, verabschiedete:
- Und denk an deine kranke Mutter! Nicht, dass Du mir gelegentlich was schreibst, egal was, es kann ruhig eine Kleinigkeit sein, Hauptsache, Du schreibst mir nichts darüber, gar nichts. Du weißt, mein Herz ...
Ihr Herz war, Gott sei dank, kerngesund.
Wie bereits gesagt, ich kaufte mir ein Wörterbuch. Ein dickes Buch, drei Kilo schwer, ungarisch-deutsch und antiquarisch, eine oberschlesische Sonderausgabe aus dem Jahre 1910, daher zum halben Preis. Bei dem Wort Automobil stand zum Beispiel: „Vierrädriges Machwerk, angetrieben durch orientalischem Kraftstoff“. Ein Wörterbuch, seiner Zeit weit voraus, eine Liebe auf den ersten Blick. Ich trug es stets bei mir. Manchmal dauerte es zwar zehn Minuten, bis ich einen Satz zusammengekriegt hatte und weitere zehn Minuten, bis meine Gesprächspartner ihn verstanden haben. Summa summarum zwanzig Minuten für einen Satz, aber: Meine „Gespräche“ waren stets zielorientiert und das Ziel hieß, das „Gespräch“ zu beenden.
Darüber hinaus half mir mein Wörterbuchfreund auf eine geradezu geniale Art, die meist unvermeidbare Unterlegenheit des Ausländers, dieses sprachunkundigen Neoprimitiven, dieses dreißigjährigen Kindergartenkrabblers mit seinem „ich essen“ und „dir lieben“ aus der Welt zu kriegen.
Denn letztlich nicht ich war es, der schlicht dahinstotterte. Nein, meine Gesprächspartner waren es, deren Oberschlesisch sich als miserabel entpuppte. Sie schämten sich und schwitzten, während ich Verständnis zeigte und sie geduldig korrigierte.
Das Wörterbuch war stets bei mir. Wenn ich darauf angesprochen wurde, sagte ich stolz:
- Die Hälfte davon kenne ich schon auswendig, die ungarische Hälfte.
Wohlgemerkt, es war nur ein ungarisch-deutsches Wörterbuch, das heißt vom Ungarischen ins Deutsche. Ich konnte alles sagen, habe aber nichts verstanden.
Kurze Zeit später bekam ich eine besserdotierte Anstellung, dort galt ich als brutal und rücksichtslos, als einer, der die Argumente der Gegenseite eiskalt übergeht und Bittstellern die kalte Schulter zeigt. Wenn ich nur gewußt hätte, was sie gesagt haben! Meine Antwort war stets dieselbe: Kommen Sie erst zurück, wenn Sie den Umsatz der Abteilung um zwanzig Prozent gesteigert haben, verdammt mal. Nie habe ich einen wiedergesehen. Es war eine sorglose, vor allem erfolgreiche Zeit. Ich wurde stellvertretender Abteilungsleiter.
Falsche Freunde, die meinen Sturz wollten, schenkten mir eines Tages den bösen Zwilling, ein deutsch-ungarisches Wörterbuch, neuere Ausgabe. Zuerst ließ ich es liegen, weitere drei Kilo herumzutragen, das kam nicht in Frage. Einmal klopfte jedoch unsere türkische Putzfrau an meine Bürotür: Gehaltserhöhung, Kind, krank. Ich antwortete wie üblich, sie solle erst zu mir kommen, wenn sie den Umsatz der Abteilung um zwanzig Prozent gesteigert habe. Sie ging wortlos. „Ah ja, verdammt mal“, rief ich ihr textsicher hinterher.
Die drei Worte der Frau blieben mir jedoch im Kopf, vermutlich hat sie sie ebenfalls aus einem Wörterbuch zusammengeschnipselt. Und zu Hause habe ich dann - zum ersten Mal übrigens - im neuen Wörterbuch nachgeschlagen: Gehaltserhöhung, Kind, krank. Am nächsten Tag habe ich ihr eine Gehaltserhöhung genehmigt und mich nach dem Wohlbefinden des Kindes erkundigt. Es ging ihm besser.
Noch am selben Tag rief mich der Abteilungsleiter zu sich. Sein Kopf war dunkelrot wie der französische Rotwein, den er oft und gerne trank. Diesmal hatte er mit mir ein Problem, das war unschwer zu erraten. Anschließend mußte ich in ein kleineres Zimmer umziehen, mit Fenster zum Hinterhof.
Von da an schlug ich tagtäglich Wörter nach, besessen wie ein Opiumsüchtiger und meine Lage in der Firma wurde dementsprechend die eines Opiumsüchtigen: Immer schlechter, letztlich unhaltbar. Als Worte fielen wie „Kündigung wegen nahezu perfekter Deutschkenntnisse“, brauchte ich nicht mehr nachzuschlagen, ich verstand. Mehr noch, ich akzeptierte.
Aus dem wenigen Geld, das ich noch hatte, kaufte ich mir ein Ticket nach Katmandu, der Hauptstadt Nepals im Himalaya, sowie ein ungarisch-nepalesisches Wörterbuch, fünf Kilo schwer. Mit Freude stellte ich fest, dass ich die Hälfte des Buches bereits auswendig kannte.

